Berlin

Das Verlangen nach Form – O Desejo da Forma: Neoconcretismo und zeitgenössische Kunst aus Brasilien

Ferreira Gullar: Noite, 1959/2004 Acryl auf Holz, 30 x 30 x 4 cm Courtesy Paço Imperial - IPHAN/MinC. Foto: Akademie der Künste, Berlin
Die gelungene «Neoconcretismo»-Schau in der Akademie der Künste zeigt Brasiliens spielerischen Umgang mit der Moderne – seit 50 Jahren.

In Brasilien bilden Manager die Avantgarde. Im Kürzel BRIC für aufstrebende Wirtschaftsmächte, in die zu investieren lohnt, steht Brasilien an erster Stelle – vor Russland, Indien und China. Dagegen wird die zeitgenössische Kunstszene des fünftgrößten Landes der Erde weniger beachtet. Zu Unrecht: Die Biennale von Sao Paulo ist die wichtigste Ausstellung Lateinamerikas, das Kunstmuseum von Rio das größte auf dem Kontinent.

 

Info

Das Verlangen nach Form - O desejo da Forma: Neoconcretismo und zeitgenössische Kunst aus Brasilien

 

03.09.2010 - 07.11.2010

täglich außer montags

11 bis 20 Uhr in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Berlin

 

Katalog 35 €

 

Weitere Informationen

Ihren Durchbruch erlebte die moderne Kunst in Brasilien mit der Wahl von Juscelino Kubitschek zum Präsidenten von 1956 bis 1961. Er versprach «50 Jahre Fortschritt in fünf Jahren» und kurbelte viele Infrastruktur-Projekte an, etwa den Bau einer neuen Hauptstadt im Landesinneren. Aufbruchsstimmung erfassten Kultur und Gesellschaft: Der Bossa Nova wurde erfunden. Und die bildende Kunst warf die Eierschalen ihrer Herkunft ab.

 

Geburt des «Neoconcretismo»

 

Bis dahin war sie von Emigranten und Lehrern aus Europa geprägt; etwa dem Schweizer Max Bill von der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Seine konstruktivistisch-nüchterne Formensprache für eine «Konkrete Kunst» übte starken Einfluss aus. Doch Ende der 1950er Jahre brachen seine Schüler den rigiden Kanon auf und brachten die Geometrie zum Tanzen: Der brasilianische «Neoconcretismo» war geboren.


Impressionen der Ausstellung


 

«Balé neoconcreto»

 

Dessen Geschichte zeichnet eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste anschaulich nach. Lygia Pape filmte Zylinder, die sich zu immer neuen Konstellationen zusammenfinden; ihr «Balé neoconcreto» ist ein beschwingter Nachfolger von Oskar Schlemmers «Mechanischem Ballett».

 

Helío Oticica ließ Gebilde aus Rechtecken frei im Raum schweben. Lygia Clark verband Metall-Dreiecke mit Scharnieren zu «Bichos». Die dreidimensionalen Objekte bewegten sich bei Berührung in unvorhersehbarer Weise: «Ich weiß es nicht, Sie wissen es nicht, aber es weiß es», so Clark.

 

Emanzipation der Formen

 

Diese Emanzipation der Formen von vorgegebenen Zwängen ging mit der des ganzen Landes einher. Ihren größten Erfolg feierte die neue Bewegung mit der Errichtung von Brasilia. Die neue Hauptstadt aus der Retorte wurde zum Experimentierfeld von Lucio Costa und Oscar Niemeyer. Der Stadtplaner und sein Architekt wollten die Rationalität moderner Urbanistik – Trennung von Wohnung, Arbeit und Freizeit – mit sozialreformerischen Impulsen verbinden.

 

Zeichnungen, Modelle und zwei Filme führen in der Schau vor, was aus der gebauten Utopie geworden ist. In Fabiano Maciels Dokumentation erzählt der fast 100-jährige Niemeyer, wie er sein heiteres Architektur-Vokabular aus geschwungenen Linien entwarf. Dagegen registrierte Joaquim Pedro de Andrade bereits 1967 die «Widersprüche einer Stadt»: Korruption und Pfusch behindern ihren Aufbau, arme Bauarbeiter leben in Slums, und die weiten Entfernungen führen zu endlosen Staus.

 

Verdrängte Kunstszene

 

1964 putschte in Brasilien das Militär und herrschte bis 1985; die Kunstszene wurde von ihm in Nischen abgedrängt. Doch die damals begründete Tradition ist bis heute lebendig. Das zeigen aktuelle Arbeiten wie etwa der documenta-Teilnehmerin Iole de Freitas: Ihre monumentale Skulptur aus Stahlrohren und Plexiglas-Scheiben könnte mit ihrem eleganten Hüftschwung direkt aus Niemeyers Büro stammen. Oder die raumgreifende Installation «Verso» von Carla Guagliardi: Sie stapelt Holzlatten über Ballons.

 

Als Material gibt die Künstlerin auch «Luft und Zeit» an: Beide sorgen dafür, dass sich das Werk von allein verändert. Wie eine andere Arbeit, bei der Guagliardi mit Helium und Luft gefüllte Ballons verknotet: Beide Gase halten sie im Schwebezustand, den jeder kleinste Hauch verändert. So bleiben die Bälle in Bewegung, ohne dass jemand Hand anlegt. Vielleicht das schönste Signum dieser Kunstströmung: Sie kann loslassen.


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