Berlin

Karl Friedrich Schinkel: Die erste Italienische Reise 1803 – 1805

Karl Friedrich Schinkel. Foto:Alten Nationalgalerie

Karl Friedrich Schinkel malte in Italien nicht, was er sah, sondern was er sehen wollte. Das enthüllt eine kleine Ausstellung von großer Bedeutung in der Alten Nationalgalerie in Berlin.

Wer bauen will, muss zeichnen – und sei es am Computer. Diese alte Architekten-Regel hat kaum jemand so emsig beherzigt wie Karl Friedrich Schinkel (1781 – 1841), der Großmeister des preußischen Klassizismus. Schinkel war nicht nur ein Multitalent, das von der Türklinke über Bühnenbilder bis zum Zarenpalast alles entwarf, und der produktivste deutsche Baumeister aller Zeiten – ohne ihn sähen Berlin und Brandenburg völlig anders aus. Er war auch ein unermüdlicher Zeichner und Maler.

 

Info

Karl Friedrich Schinkel: Die erste Italienische Reise

 

28.09.2010 –  28.11.2010
täglich außer montags 10 – 18 Uhr, donnerstags 10 – 22 Uhr in der Alten Nationalgalerie, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Mehr als 5000 eigenhändige Werke Schinkels bewahrt das Kupferstichkabinett der Alten Nationalgalerie auf. Keine flüchtigen Skizzen, sondern präzise ausgearbeitete Zeichnungen und Gemälde voller Feinheiten. Ebenso wenig nur Entwürfe für Gegenstände und Gebäude, sondern auch viele freie Arbeiten: Landschaften, Architektur-Studien und sogar Allegorien.

 

Das Erbe Schinkels

 

Dieses enorme Konvolut wird vom Kupferstichkabinett erschlossen. Das Forschungsprojekt «Das Erbe Schinkels» soll 2012 in eine große Ausstellung münden. Zuvor gewährt das Kabinett aber einen ersten Einblick mit einer kleinen Studio-Schau. Sie zeigt kaum zwei Dutzend Zeichnungen und Aquarelle – und rüttelt doch an einem Denkmal.


Impressionen der Ausstellung + Kommentar von Kurator Heinrich Schulze Altcappenberg


 

Schinkels erste Italienreise von 1803 bis 1805 war entscheidend für sein Leben. Im Angesicht von Meisterwerken vergangener Epochen fand er zu seinem Stil. Allerdings begnügte er sich nicht damit, berühmte Bauwerke einfach auf Papier zu übertragen. Sondern er veränderte das Gesehene beim Zeichnen nach Gutdünken, bis es seinem Idealbild entsprach.

 

Das macht die Ausstellung an markanten Beispielen deutlich. Seine Federzeichnung des Stephansdoms in Wien gibt zwar den Baukörper akkurat wider. Aber nicht die Ausstattung: Schinkel lässt die barocken Einbauten weg und ersetzt sie durch gotische Altäre, die seiner Phantasie entspringen. Wie die Prozession einer Menge, die nach der Mode der Dürerzeit gekleidet ist.

 

Santa Maria del Populo

 

Ähnlich frei geht er mit der «sarazenischen» Kirche Santa Maria del Populo in Cittaducale um. Für eine bessere Sicht auf die Fassade verlegt er den Marktplatz, ergänzt einen zweiten Turm, den es dort nicht gibt, und dekoriert die Szene mit Figuren, die archaische Gefäße tragen. Solche Eingriffe entsprangen nicht Willkür, sondern seinem Geschichtsbild.

 

Diese Sichtweise war idealistisch-organisch, wie es der Romantik entsprach. Für Schinkel symbolisierten bestimmte Bauformen eine Ära der Menschheits-Geschichte. Am Anfang standen Höhle und Hütte. Dann kamen Häuser, Burgen und alle weiteren Stile. Diese wollte er als Zeichner quasi historisch rein darstellen, um ein Kompendium architektonischer Optionen zu gewinnen.

 

Gründervater des Historismus

 

Damit wird Schinkel zum Gründervater des Historismus. Tatsächlich hat er für manche Bauvorhaben mehrere Vorschläge gemacht, die sich stark unterschieden. In der Überzeugung, dass jeder Architektur-Stil andere Werte und Empfindungen transportiert, die auf die jeweilige Aufgabe abzustimmen sind. Und die Vergangenheit dazu einen Fundus an Formen zur Auswahl bereithält – das ist auch der Grundgedanke der Postmoderne.

 

All das lässt sich der kleinen Auswahl von Blättern ablesen, wenn man den vorzüglichen Kommentar im schmalen Katalog zu Rate zieht. Doch neben der Umwertung Schinkels vom Erz-Klassizisten zum Historisten bietet die Schau auch eine Augenweide: Insbesondere die zarten, duftigen Aquarelle mit ihren malerisch in die Natur gegossenen Städten bringen Italien zum Greifen nah.


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