Tilda Swinton

Liebe löst Revolutionen aus

Tilda Swinton beim Edinburgh Film Festival 2007; Foto: Al/ Wikipedia

In «I am love» spielt Tilda Swinton die russische Gattin eines Mailänder Industriebosses, die mit einem Koch durchbrennt. Ein Gespräch über die Liebe als Medium des Erwachens und die Strategie, das Publikum mit einem Schaumbad einzuseifen.

(A.d.R.: Als Luxus-Geschöpf im Exil füllt Tilda Swinton in «I am love» ihre ereignislosen Tage mit Familienleben und Besuchen bei Freundinnen aus – bis sie Antonio und seine Kochkünste kennen lernt. Beide stürzen sich in eine leidenschaftliche Affäre. Tilda Swinton über die Liebe als Medium des Erwachens und die Strategie, das Publikum mit einem Schaumbad einzuseifen.)

 

Die Liebe in „I am love“ ist sehr eigenwillig. Was macht in Ihren Augen die Liebe aus?

 

Mich hat die Phobie unserer Gesellschaft gegen Einsamkeit immer verwundert – sie scheint das letzte Tabu zu sein. Der Mythos der romantischen Liebe, man werde in einer Zweierbeziehung nie wieder allein sein, macht die Leute zu Masochisten.

 

Wenn die Leute sich Jahre später doch wieder einsam fühlen, ist das für sie eine Katastrophe: als ob ihre Liebe gescheitert wäre. Dagegen glaube ich, dass wahre Liebe bedingungslos ist. Wir sind alle absolut allein; und wenn wir in der Lage sind, einander unser Alleinsein zu zeigen, und der Andere trotzdem bei uns bleibt – das ist wahre Liebe und kann einen für immer tragen.

 

Schwerreich leben mit Scheuklappen

 

Warum spielt „I am love“ in der schwerreichen Oberschicht von Mailand?

 

Dieses radikale Verständnis von Liebe hören die Leute nicht gern, weil es den romantischen Zauber bricht. Also haben wir es in einem Milieu angesiedelt, das zerbrochen werden kann. Dafür haben wir die kapitalistische Funktionselite von Mailand gewählt. Sie führt ein sehr förmliches Leben.

 

Um das zu ertragen, muss man Scheuklappen tragen. Jedes Mal, wenn man die Kreditkarte zückt, um einen Pelzmantel zu kaufen, muss man die Frage unterdrücken, woher das Geld kommt und wer dafür geschuftet hat. Eine erlernte Ignoranz.

 

Durchkodierte Sphäre der Reichen

 

Doch am Ende gibt Emma für ihren Liebhaber ihre ganze Existenz auf – ist das nicht sehr romantisch?

 

Ich sehe es anders. In der ersten Filmhälfte ist Emma noch gar nicht wirklich bei sich. Dann wacht sie auf – wie im Märchen, wenn der Zauber plötzlich gebannt ist. Als Russin stammt sie aus einer engen, begrenzten Welt, in die sie nicht zurückkehren kann. Dann kommt sie in eine Welt, die noch viel begrenzter ist, wie ich finde.

 
Audio-Mitschnitt des Interviews

Ich habe mit Frauen gesprochen, die in reiche Familien eingeheiratet haben: Es ist, als ob man zur Armee geht. Man gerät in eine Sphäre, in der alles festgelegt ist: Welche Schuhe und Frisur man trägt, wo man sitzt, was man sagt etc. Ein durchkodiertes Leben.

 

Kein Drill in Schotten-Clan

 

Sie stammen von einem alten schottischen Clan ab: Kennen Sie das aus Ihrer Familie?

 

Nein, das ist ein Missverständnis. Wenn die Leute hören, dass mein Vater Soldat war, denken sie, wir wurden schon zum Frühstück gedrillt. Aber das stimmt nicht. Meine Familie war sehr zwanglos, warmherzig und keineswegs so reich.

 

Die Film-Familie der Recchis bezieht ihre Identität aus ihrem enormen Reichtum: Sie betrachtet sich als ewige Gewinner. Doch das ist auch Fassade. Die Recchis sind eine Schar Neureicher, die ihr Geld während des Faschismus gemacht haben. Sie haben Gründe, diskret aufzutreten und den Schein zu wahren.

 

Liebhaber als Katalysator des Erwachens

 

Der Film zerfällt in zwei Teile – erst Melodram im Seifenoper-Stil, dann griechische Tragödie. Die Liebe trifft Emma wie ein Blitz, der alles verändert: Das Licht, die Farben, ihr Verhalten usw. Ist das nicht doch sehr romantisch: ein Blitzschlag, der das Leben umkrempelt?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension des Films «I am love» von Luca Guadagnino.


Die Veränderung schlägt wie ein Blitz ein, aber dafür ist nicht unbedingt eine andere Person nötig. Für Emma ist die Begegnung mit Antonio und seinen Kochkünsten das Medium ihres Erwachens. Doch es soll nicht so aussehen, als käme sie vom Regen in die Traufe, als würde sie in einer neuen Zweierbeziehung eingesperrt.

 

Antonio ist nur ein Katalysator oder Begleiter, durch den sie erfährt, dass sie ein fühlendes und kommunikatives Wesen ist. Als erstes schaut sie in den Spiegel: Es geht um ihre Beziehung zu sich selbst. Zuvor hat der Reichtum ihrer Familie sie so geprägt, dass sie nicht mehr fühlen konnte. Etwa körperlichen Schmerz: Reichtum beseitigt die Möglichkeit, solche Erfahrungen zu machen.

 


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