Berlin + Dresden

Mikrofotografie – Schönheit jenseits des Sichtbaren

Schuppen eines Haifisches in 25-facher Vergrößerung. Foto: © ohe
Museen in Berlin und Dresden stellen die Geschichte der Mikrofotografie vor: Faszinierende Einblicke in eine unbekannte Welt, die uns ständig umgibt.

Info

 

Mikrofotografie - Schönheit jenseits des Sichtbaren

 

01.10.2010 09.01.2011
täglich außer montags

10 - 18 Uhr,

donnerstags bis 22 Uhr
im Museum für Fotografie, Jebenstraße 2, Berlin

 

Katalog 39,80 €

 

Weitere Informationen

 

24.02.2011 - 29.05.2011
dienstags bis freitags 9 - 17 Uhr, am Wochenende 10 - 18 Uhr in den Technischen Sammlungen, Junghansstr. 1 - 3, Dresden

 

Weitere Informationen

So viele furchterregende Monster sind in keinem Horror-Film zu sehen. Und so viel makellose Schönheiten auf keiner Modenschau. Dabei umgeben uns diese Objekte des Schauderns und der Anmut ständig – wir sehen sie nur nicht, weil sie winzig sind. Abhilfe schafft da die Mikrofotografie.

 

Ihrer Entwicklung widmet das Museum für Fotografie in Berlin eine große Ausstellung, die bis in ihre Anfänge zurückreicht. 1840 lichtete Andreas Ritter von Ettinghausen einen Querschnitt durch den Stängel einer Clematis als Daguerrotypie ab – eine der ältesten erhaltenen Mikrofotografien überhaupt.

 

Abbildungen von Naturphänomenen

 

Die neue Methode wurde von Forschern begeistert aufgenommen: Sie ermöglichte exakte Abbildungen von Naturphänomenen, die man zuvor nur mit Handzeichnungen festhalten konnte. Als die Erfindung des achromatischen Mikroskops in den 1870er und 1880er Jahren die Entdeckung vieler Krankheits-Erreger erlaubte, wurde die Mikrofotografie auch medizinisch notwendig.


Interview mit Kurator Ludger Derenthal + Impressionen der Ausstellung


 

Schimmel wie blühende Gräser

 

Zugleich sprach sie den Sinn für Ästhetik an. Das zeigen Köpfchenschimmel-Aufnahmen, die im Labor von Robert Koch entstanden: Die Sporen sind so angeordnet, als handele es sich um blühende Gräser auf einer Wiese. Regelmäßigkeit, Symmetrie und Formenvielfalt mikroskopisch kleiner Objekte erregten bald auch das Interesse von Künstlern.

 

Ein Werk des Zoologen Ernst Haeckel fand große Resonanz: Seine «Kunstformen der Natur», zwischen 1899 und 1904 erschienen, zeigten Einzeller wie Strahlentierchen, so genannte Radiolarien, und Diatomaceen-Algen, aber auch Muscheln, Korallen und Schwämme. Diese Bilder beeindrucken die Zeitgenossen tief – es schien, als träte die Natur selbst als bildende Künstlerin auf. Die neuen Gebilde fanden Eingang in die Formensprache des Jugendstils.

 

Künstlerischer Anspruch

 

Fotografen wie Alfred Ehrhardt und Claus Strüwe betrieben ab den 1930er Jahren eine Mikrofotografie mit dezidiert künstlerischem Anspruch – so betitelte Strüwe 1954 ein kontrastreiches Schwarz-Weiß-Arrangement verschiedener Einzeller «Endzeit-Melancholie». Der Aufstieg der Farbfotografie verhalf der Mikrofotografie zu einem Quantensprung. Zu einem herausragenden Vertreter wurde Manfred Karge.

 

Der ehemalige Chemiker stellte seine Aufnahmen schon 1958 als «Fotografie informel» mit der Künstlergruppe ZERO aus. Im Folgejahr gründete er sein eigenes Institut und widmete sein Leben der Erfindung neuer Techniken. Er konstruierte mit dem «Polychromator» ein komplexes Filter-System für farbige Mikrofotos und tüftelte ein Verfahren aus, um auch Rasterelektronen-Aufnahmen einfärben zu können. Zeitgleich zur Schau im Fotografie-Museum zeigt die Alfred-Ehrhardt-Stiftung in Berlin eine Retrospektive der Arbeiten Karges.

 

Dreidimensionale Objekte

 

Rasterelektronen- und Rasterkraft-Mikroskope eröffnen heute der Mikrofotografie völlig neue Möglichkeiten. Nun können auch dreidimensionale Objekte abgelichtet werden – sie zu sezieren und auf Trägerplatten zu fixieren, ist unnötig. So hat Claudia Fährenkemper die Körperteile einer Molchlarve einzeln aufgenommen; Beine, Pfoten und Schlund wirken wie monströse Glieder einer Bestie. Und Hans-Ulrich Danzebrink zeigt Molekular- und Nano-Strukturen, deren unerschütterliche Monotonie verblüfft. Das ist vielleicht die einprägsamste Lektion dieser Einblicke in den Mikrokosmos: Er fasziniert, weil er so inhuman perfekt ist.


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