Berlin

Begas – Monumente für das Kaiserreich

Reinhold Begas: Merkur entführt Psyche, 1878 (Detail); SMB, Nationalgalerie. Foto: DHM

Der deutsche Rodin: Reinhold Begas war Hof-Bildhauer von Wilhelm II. und pflasterte Berlin mit Denkmälern. Die Nachwelt strafte ihn mit Nichtachtung. Nun entdeckt das Deutsche Historische Museum die sinnliche Kreativität seines Neobarocks.

Reinhold Begas (1831 – 1911) ist der bekannteste Unbekannte unter den deutschen Bildhauern. In Berlin sind seine erhaltenen Hauptwerke kaum zu übersehen: Der Neptun-Brunnen vor dem Fernsehturm, das Denkmal für Schiller auf dem Gendarmenmarkt, das für Alexander Humboldt vor der Universität und das für Bismarck am Großen Stern. Kopien davon stehen in jeder größeren Stadt, doch der Name ihres Schöpfers ist vergessen.

 

Info

Begas – Monumente
für das Kaiserreich

 

26.11.2010 – 06.03.2011
täglich 10 bis 18 Uhr im Deutschen Historischen Museum, Ausstellungshalle von I.M. Pei, Hinter dem Zeughaus, Berlin

 

Katalog 34 €

 

Weitere Informationen

Das erstaunt mit Blick auf Auguste Rodin (1840 – 1917), mit dem Begas zu Lebzeiten oft verglichen wurde – beide galten als Meister der neobarocken Monumentalplastik. Während Rodin weltberühmt und sein Museum in Paris überlaufen ist, erinnert wenig an Begas. Viele seiner Arbeiten sind zerstreut, weil sein Nachlass 1912 versteigert wurde, oder vernichtet.

 

Als Nationalismus-Sinnbild ausradiert

 

Dafür sind nicht nur zwei Weltkriege verantwortlich. Begas´ Spezialität war die Skulptur im öffentlichen Raum. Im Kaiserreich erhielt er zahlreiche Großaufträge; Kaiser Wilhelm II. protegierte ihn in den 1890er Jahren. Das war für sein Werk verhängnisvoll: Nach 1945 galt es als Sinnbild für preußischen Nationalismus und Militarismus, das ausradiert werden sollte.


Impressionen der Ausstellung


 

Nazis verpflanzen Bismarck in Tiergarten

 

Schon 1945 wurde in Berlin die ausgebombte Börse abgetragen und Begas´ Giebel-Figuren zerstört. Seine 12 Tonnen schwere Germania-Gruppe auf dem Reichstag zerlegten Buntmetall-Diebe in der Nachkriegszeit. Sein Nationaldenkmal für Wilhelm I. von 1897 ließ die SED 1950 abreißen. Das zweitgrößte Denkmal Europas stand westlich des Berliner Schlosses auf einer großen Plattform, wo künftig das Einheitsdenkmal errichtet werden soll.

 

Aber auch Westberlin machte tabula rasa mit Begas. Die Fürsten-Statuen der von ihm konzipierten Sieges-Allee wurden 1954 neben Schloss Bellevue vergraben; seit 2009 warten sie in der Zitadelle Spandau auf eine museale Präsentation. Das Bismarck-Denkmal am Großen Stern entging diesem Schicksal wohl nur, weil es im Tiergarten versteckt lag. Dorthin hatten es die Nazis verpflanzt, da es ihren Umbauplänen im Weg stand.

 

Erste Werkschau seit 100 Jahren

 

Doch Begas konnte mehr, als nur wilhelminische Selbstbeweihräucherung in Marmor hauen und Großmacht-Träume in Bronze gießen. Zum 100. Todestag richtet ihm das Deutsche Historische Museum (DHM) eine Werkschau aus – die erste seit 100 Jahren. Sie bemüht sich um eine ausgewogene Würdigung und verschweigt nicht, wie Begas die Hohenzollern mit pompösem Prunk belieferte, hebt jedoch seine Kreativität hervor.

 

Begas wuchs in einer Berliner Künstler-Familie auf: Der Vater war Maler, seine Brüder wurden es. Sein Talent wurde früh erkannt und gefördert: Christian Daniel Rauch und Johann Gottfried Schadow, Preußens beste klassizistische Bildhauer, waren seine Patenonkel und Lehrer. 1856 ging Begas für zwei Jahre nach Rom, war mit Arnold Böcklin und Anselm Feuerbach befreundet und entdeckte für sich die Leidenschaft und Dramatik des Barock.

 

Kaiser saßen Begas Modell

 

Bereits seine ersten Plastiken, etwa «Pan tröstet Psyche» 1858 oder «Nach dem Bade» 1864, überwinden das klassizistische Ebenmaß: Asymmetrische Kompositionen, gedrehte und gekrümmte Leiber, massige Glieder, realistische Detailtreue von Haut und Muskelspiel. Oft sitzen seine Frauenfiguren mit gefasstem Ausdruck in natürlich entspannter Haltung, wie die vier Allegorien der Künste zu Schillers Füßen oder die Fluss-Nymphen am Neptunbrunnen. Diese Darstellung von «Ruhe und Sinnlichkeit» gefiel den Zeitgenossen sehr.

 

Das 1871 enthüllte Schiller-Denkmal machte Begas zum bekanntesten Bildhauer der Epoche. Berlins feine Gesellschaft pilgerte zu seinem stattlichen Atelier; hierher bemühten sich selbst die Kaiser zum Modellsitzen. Der Großkünstler porträtierte en gros und entwarf Büsten, Reliefs, Skulpturen und Sarkophage, die dann sein Heer von Schülern und Assistenten ausführen musste. Nur den letzten Schliff gab ihnen der Meister selbst.

 

Verschollene Hauptwerke

 

Allerdings suchte er stets individuelle Lösungen, verzichtete auf Versatzstücke und ließ kaum Abgüsse anfertigen. Auch das war seinem Nachruhm abträglich. Während von Rodins populären Plastiken wie «Der Kuss» und «Der Denker» Tausende von Kopien zirkulieren, sind einige von Begas´ Hauptwerken gänzlich verschollen.

 

Darunter die originellsten: Von «Der elektrische Funke», den ein wild küssendes Paar symbolisiert, oder dem «Raub der Sabinerin», die den räuberischen Römer an der Gurgel packt, sind leider nur noch Fotografien erhalten. Selbst manche aparte Mädchen-Statuette existiert allein als Modell.

 

Eine DHM-Etage reicht kaum aus

 

Diese entlegenen Bestände aus zahlreichen Museen und Privatsammlungen zusammen zu tragen, ist ein großes Verdienst der Ausstellung: Endlich wird wieder Begas´ künstlerische Entwicklung sichtbar, der allzu lange – wenn überhaupt – nur als Schöpfer von ein paar Riesen-Denkmälern bemerkt wurde. Allerdings reicht der Platz einer Etage im Pei-Bau des DHM kaum aus.

 

Dicht gedrängt stehen die Figuren und können ihre Wirkung kaum entfalten. Zumal die Großplastiken naturgemäß fehlen und nur durch Fotos und Entwürfe vertreten sind. So bleibt der Überblick über Begas´ Werk notgedrungen unvollständig. Am besten besucht man anschließend seine wichtigsten Skulpturen im Außenraum. Ein Stadtplan zeigt genau an, wo was zu finden ist. Und der ausgezeichnete Katalog erklärt detailliert, was wann zerstört wurde.


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