Wien + Aachen

Hyper Real – Die Passion des Realen in Malerei und Fotografie

Don Eddy: Ohne Titel (Volkswagen), 1971, Öl auf Leinwand, 122 x 167 cm, Sammlung MUMOK. Foto: MUMOK © Don Eddy
Bigger than life: Die Maler des Fotorealismus zeigen überdimensional die Alltagswelt vor 40 Jahren. Ihre subtilen Analysen der Wahrnehmung gehen indes im MUMOK Wien in einer Materialschlacht unter.

Alles so schön bunt hier: Die Besucher werden von der Masse großformatiger Leinwände in allen Farben des Regenbogens fast geblendet. Auf drei Etagen hat das MUMOK seine Bestände fotorealistischer Kunst aus der Stiftung Ludwig plus einiger Leihgaben ausgebreitet. Mit rund 250 Werken ist «Hyper Real» gleichsam die XXL-Version der Schau «Picturing America», die 2009 im Deutsche Guggenheim Berlin zu sehen war.

 

Info

Hyper Real - Die Passion des Realen in Malerei und Fotografie

 

22.10.2010 - 13.02.2011
täglich 10 - 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr im Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig (MUMOK), Museumsplatz 1, Wien

 

Katalog 38 €

 

Weitere Informationen

 

13.03.2011 - 19.06.2011
täglich außer montags 12 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im Ludwig Forum für internationale Kunst, Aachen

 

Weitere Informationen

Das passt zum Fotorealismus, der seine gewöhnlichen Motive oft ins Monströse vergrößert. Als dieser Stil Ende der 1960er Jahre in den USA aufkam, handelten sich seine Vertreter harsche Kritik ein. Ihnen wurde Warenfetischismus, unkritische Affirmation des schlechten Bestehenden und reaktionärer Rückfall hinter Abstraktion und Pop Art vorgeworfen. Was ihrem Erfolg keinen Abbruch tat: Das Publikum liebte die riesigen Abbildungen vertrauter Dinge.

 

Wände zieren Künstler-Zitate

 

Vier Jahrzehnte und manche Theoriedebatten später geht das MUMOK sein Thema gelassener an: Es ignoriert die damals viel diskutierte Frage, ob diese Strömung nun Fotorealismus, Superrealismus, Hyperrealismus, Radikaler Realismus oder Post Pop Realismus heißen solle, und konzentriert sich darauf, ihre Hauptvertreter vorzustellen. Die kommen selbst mit Zitaten zu Wort, die auf die Wände gedruckt sind. Ein gelungener Einfall – entspricht er doch dem künstlerischen Verfahren der Fotorealisten.

Impressionen der Ausstellung

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Vorlagen wie Dias auf Leinwände projiziert

 

Sie benutzten stets Fotos als Vorlagen, die sie als Dias auf die Leinwand projizierten, um sie nachzumalen. Dabei ging es ihnen weniger um das Motiv – das konnte trivial und unerheblich sein – , als vielmehr um die möglichst präzise Wiedergabe der Wirklichkeit im Bildraum.

 

Wie Genre-Maler des 17. Jahrhunderts spezialisierten sie sich auf einzelne Sujets: Chuck Close porträtierte Köpfe, Richard McLean zeigte Rennpferde und ihre stolzen Besitzer, Robert Cottingham wählte Neon-Reklamen, Ralph Goings parkende Autos, John Salt Autowracks usw.

 

Gemälde zeigen mehr als jedes Foto

 

Technisch sind ihre Werke durchweg brillant. Bleibt die Frage: Warum Fotos abmalen – wozu der Aufwand? Die Antwort erschließt sich nur bei genauem Hinsehen: Die Leinwände zeigen mehr als jedes Foto. Die Bilder lassen mehrere Ebenen gleich scharf erscheinen, während die Linsen von Auge und Kamera nur jeweils eine scharf stellen.

 

Auf den meterhohen Porträts von Chuck Close ist jede Pore, jede Hautunreinheit zu erkennen. Die spiegelnden Scheiben bei Richard Estes heben hervor, wie viele Umrisse und Lichtreflexe gleichzeitig zu sehen sind – während das menschliche Auge «entweder auf oder durch eine Scheibe blickt, aber nicht beides zugleich», wie Don Eddy betont.

 

Alltags-Szenen als Vexierbilder

 

Sein Schlüsselwerk «Hosiery, Handbags and Shoes» von 1974 steigert dieses Phänomen zur Virtuosität: Diese bonbonbunte Ansicht eines Schaufensters mit Einblick ins Ladenlokal und Spiegelungen des Verkehrs und der anderen Straßenseite verunmöglicht, das Wirrwarr aus  Gegenständen einzelnen Bildebenen zuzuordnen. Alltägliche Sinneseindrücke als rätselhaftes Vexierbild – und die Leinwand als Schule des Sehens.

 

Leider ignoriert die Ausstellung diese Vorzüge des Fotorealismus, weil ihr vor allem daran liegt, ihn kunsthistorisch korrekt einzuordnen. Daher hängt sie in bunter Reihe Werke der Pop Art, Foto-Arbeiten der Düsseldorfer Schule und Artverwandtes dazwischen, um ein Kontinuum von Andy Warhol bis Thomas Struth zu konstruieren.

 

Blick auf äußere Wirklichkeit schärfen

 

Gewiss verdankt der Fotorealismus manches der vorangegangenen Pop Art – etwa die Nobilitierung des Banalen. Aber seine Absichten waren völlig andere. Während die Pop Art die Artefakte der Alltagskultur als Symbole verwendete, um sie ironisch bloßzustellen, nahm der Fotorealismus die äußere Realität zum Nennwert, um den Blick auf sie zu schärfen. Der Pop Art ging es um Oberflächlichkeit, dem Fotorealismus um Oberflächen.

 

Dagegen verfolgen die Foto-Wände von Candida Höfer, Thomas Ruff oder Thomas Struth zunächst dokumentarische Absichten: Zeigen, was ist – weil es normalerweise vernachlässigt wird oder schlicht unbekannt ist. Deshalb zeigen sie kaum, wie es gesehen wird – genau das interessierte die Fotorealisten.

 

Panoptikum figurativer Kunst

 

Von Konrad Klaphecks surrealen Maschinen-Szenarien über sarkastische Text-Bild-Collagen von Wolf Vostell bis zu den Re-Inszenierungen berühmter Räume von Thomas Demand: Indem die Kuratoren alle möglichen Arbeiten aufgenommen haben, die irgendwie Gegenständliches behandeln, verwässern sie ihr Thema total. So entsteht ein Panoptikum figurativer Kunst der letzten 50 Jahre, aber keine Retrospektive des Fotorealismus im engeren Sinne.

 

Der Eindruck liegt nahe, das MUMOK tappe in die Falle, die dem Fotorealismus häufig vorgeworfen wurde: sich mit der wahllosen Anhäufung von Gegenständen zu begnügen. Nur sind es hier die übervollen Speicher des Sammler-Magnaten Peter Ludwig, der seine Kollektion auf neunzehn Museen in sieben Länder verteilte. Doch dem lässt sich entgehen: Wer sich allein auf die fotorealistischen Werke beschränkt, hat noch mehr als genug anzugucken. Und die Chance, die Schau ohne Einbuße an Sehkraft wieder zu verlassen.


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