Berlin

SANAA Tokio – Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa

Rolex Learning Center. Foto: Galerie Aedes, Berlin

Die Zukunft wird wellig: Das Büro SANAA von Sejima und Nishizawa gehört zu den Superstars der zeitgenössischen Architektur. Die Aedes-Galerie in Berlin zeigt ihre aktuellen Projekte in biomorphen Formen – mit teils grotesken Modellen.

Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa sind die scheuen Superstars der zeitgenössischen Baukunst. Kaum ein anderes Architekten-Team hat in den vergangenen Jahren so viel Kritiker-Lob eingeheimst wie ihr Büro SANAA («Sejima and Nishizawa and Associates»). Dafür erhielten sie im März 2010 den Pritzker-Preis, auch Nobelpreis für Architektur genannt.

 

Info

 SANAA Tokio – Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa

 

18.11.2010 – 20.01.2011

täglich außer montags 11 bis 18.30 Uhr, am Wochenende 13 bis 17 Uhr

in der Galerie Aedes Am Pfefferberg, Christinenstraße 18-19, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Zudem leitete Sejima die diesjährige Architektur-Biennale in Venedig: Für ihre Rückbesinnung auf konkrete Bauaufgaben und Architektur-Qualität bekam sie ebenfalls reichlich Anerkennung. Obwohl Sejima keine weltgewandte Jet-Set-Kuratorin ist: Ihr Englisch ist dürftig, sie spricht wenig und wenn, dann oft in nebulösen Allgemeinplätzen.

 

Alles stets in Weiß

 

Stattdessen lassen Sejima und Nishizawa die Aura ihrer minimalistischen Entwürfe sprechen. Sie fertigen ihre Konstruktionen aus unbehandeltem Sichtbeton, Stahl, Glas und Aluminium. Viel Sorgfalt verwenden SANAA auf Benutzer- und Lichtführung, die Raumwirkung und die Verbindung von Innen mit Außen. Ihre Anstriche sind stets in Weiß.


Impressionen der Ausstellung


 

Die Essenz eines Raumes

 

«Wir konzentrieren uns auf die Essenz, das ist das Wichtigste für uns, und die Essenz eines Raumes ist nun mal weiß. Noch reduzierter geht es nicht, dann wäre unsere Architektur wahrscheinlich durchsichtig und unsichtbar», hat Sejima in einem ihrer raren programmatischen Statements erklärt.

 

Allerdings hat sich ihr Stil in den vergangenen Jahren verändert: Bis Mitte des Jahrzehnts bestanden ihre Gebäude ausschließlich aus Kuben und Rechtecken – etwa ihr Neubau für das «New Museum of Contemporary Art» in New York 2005 oder der von Fenstern durchlöcherte Würfel auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen 2006. Seither hat das Duo biomorphe Formen für sich entdeckt.

 

Wellen-Gekräusel wie auf Genfer See

 

Ihre aktuellen Projekte zeigt nun eine Ausstellung in der auf Architektur spezialisierten Aedes-Galerie. Ins Auge springt sofort ihre jüngste Großtat, das im Frühjahr eröffnete Rolex Learning Center der Polytechnischen Hochschule in Lausanne. Für 110 Millionen Franken hat SANAA der Universität ein sanft geschwungenes Wellen-Gebilde errichtet. Es wirkt wie die Vergrößerung des Oberflächen-Gekräusels auf dem nahen Genfer See.

 

Allseits verglaste Galerien erlauben überall Ein- und Durchblicke; elf Patios durchbrechen die Decke und lassen das Licht hereinfluten. In einem einzigen endlosen Raum, der nur vage in Zonen unterteilt ist, sind Bibliothek, Archive, Labors, Büros, Auditorium, Restaurant und Café untergebracht. Alles ist miteinander verbunden; die Grenzen zwischen Arbeit und Entspannung, zwischen Innenraum und Umwelt werden aufgehoben. Eine gebaute Utopie.

 

Architektur-Eingriffe gegen Entvölkerung

 

Ähnlich menschenfreundlich soll das Inujima Art-House Project werden. Die winzige Insel Inujima ist von Entvölkerung bedroht. Architektonische Eingriffe wie gebogene und verspiegelte Bänder, Galerien, Häuser und Arenen sollen die Lebensqualität erhöhen und die Bewohner zum Bleiben bewegen. Diese beiden Vorhaben werden mit ausgefeilten Modellen vorgestellt; die übrigen sechs leider nicht.

 

Ein kleiner Klecks Blechfolie soll den Sommerpavillon 2009 der britischen Serpentine Gallery wiedergeben. Er lässt nicht ahnen, wie das verspiegelte, mäandernde Dach auf dünnen Pfeilern den Garten der Galerie mit seinen Lichtreflexen verzauberte. Auch die tropfenförmige Plastikschale, die das Teshima Art Museum repräsentiert, vermittelt keine Idee von der Kühnheit des Projekts: Ein riesiges Dach soll sich an einen Hügel schmiegen und ein Museum ohne Außenwände beherbergen.

 

Papp-Modelle mit Transportschäden

 

Winzig ist die Darstellung der HyundaiCard Concert Hall in Soul: Die Kantenlänge des Kubus ist kaum eine Hand breit. Da hilft es wenig, dass ein Element ihrer ondulierten Glasfassade aus Plexiglas nachgebaut wurde. Wie das fertige Ensemble aussehen soll, erfährt man nicht. Ebenso wenig geben ein paar Kunststoff-Scherben und ein Stück Außenwand aus anodisiertem Aluminium eine Vorstellung von der Filiale des Louvre. SANAA realisiert sie derzeit im nordfranzösischen Lens.

 

Geradezu grotesk sind die Modelle für das New Museum in New York und den Torre Neruda, der in Mexiko gebaut wird: Aus beschichteter Pappe zusammengeklebt, verleugnen sie die Raffinesse der Entwürfe völlig. Ihr Clou sind die Verschiebungen und Rücksprünge, die ihren Fassaden ein treppenartiges Aussehen geben. Die Modelle sehen aus, als seien sie beim Transport beschädigt worden.

 

Nur Email-Adressen auf Website

 

Japanern muss man eigentlich den Gebrauch moderner Medien nicht erklären: Es gibt Fotografien, Filme und Computer-Simulationen. Jeder Architekt nutzt sie, um seinem Bauherrn einen optimalen Eindruck zu geben, bevor die Bagger anrollen. Doch SANAA bestückt diese Schau nur mit Modellen, die jedem Architektur-Studenten peinlich wären. Sejima und Nishizawa pfeifen eben auf moderne Kommunikation: Ihre Website gibt vier Email-Adressen an – sonst nichts.


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