Frederick Wiseman

50 Stunden Drehen für 1 Stunde Film

Frederick Wiseman im Gespräch; Foto: Wikipedia

Dokumentar-Filmer Frederick Wiseman beobachtet in seinem 38. Film „La Danse: Das Ballett der Pariser Oper“ den Tanz-Alltag einer der berühmtesten Compagnien der Welt. Ein Gespräch über Dreh ohne Vorbereitung an Orten, die Tennis-Plätzen gleichen.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über das Ballett der Pariser Oper zu drehen?

 

Ich liebe Ballett und habe 1992 schon einen Film über das American Ballett Theatre gedreht. Im Jahr 2000 lebte ich in Paris und war dort oft im Ballett der Oper. Da kam ich auf die Idee, noch einen Film über Tanz zu drehen, um den Unterschied zwischen einer Compagnie in den USA und in Frankreich darzustellen.

 

Warum interessiert Sie das Thema Ballett so sehr?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension des Films „La danse – Das Ballett der Pariser Oper“.

Wenn es funktioniert, ist Ballett eine wunderbare Kunstform – es ist wunderschön, Kompositionen aus Körpern anzusehen. Keine Aufführung ist wie die nächste, und doch kenne ich kaum etwas, das schöner anzusehen wäre.

 

Von technischen Aspekten keine Ahnung

 

Sie zeigen wesentlich mehr Arbeit im Hintergrund – Planung, Vorbereitung, Proben etc. – als Tanz-Szenen. Warum?

 

Im Film gibt es einige Ausschnitte aus Aufführungen. Doch ich wollte vor allem zeigen, wie viele Vorbereitungen nötig sind, um die Vorstellungen möglich zu machen: Kulissen, Kostüme, Maskenbildner usw. Und nicht nur Aufführungen abfilmen – das wurde schon oft gemacht.

 

Sie verwenden keinerlei erklärenden Elemente wie Kommentare oder Interviews. Erschwert das nicht den Zugang  für Zuschauer, die wenig vom Ballett wissen?

 

 

Audio-Mitschnitt des Interviews

Ich habe den Film nicht gedreht, um Ballett zu erklären – er ist nicht didaktisch. Aber ich denke, der Film enthält genug Informationen, damit ihn auch Zuschauer verstehen können, die mit Ballett nicht vertraut sind. Die meisten Besucher von Ballett-Aufführungen haben von den technischen Aspekten keine Ahnung. Wenn man sie nach den einzelnen Figuren fragen würde, könnten sie die nicht benennen. Doch das hindert sie nicht daran, Ballett zu mögen.

 

Nur ein Tag zur Orientierung

 

Sie bereiten sich normalerweise vor Ihren Dreharbeiten nicht vor, sondern fangen einfach an zu drehen. Haben Sie das diesmal auch so gehandhabt?

 

Ja. Bevor ich anfing, zu drehen, habe ich nur einen Tag in der Pariser Oper verbracht – um mich zu orientieren und den entscheidenden Leuten vorzustellen. Sich dort aufzuhalten und Dinge zu sehen, die man noch nicht aufnehmen kann, lohnt sich nicht.

 

Sie sind auf Porträts von Institutionen spezialisiert und zeigen, wie sie arbeiten. Funktioniert Ihr spontanes Drauflos-Drehen auch bei einer riesigen Maschine wie der Pariser Oper?

 

Sehen Sie sich den Film an. Wenn Sie meinen, das der Film funktioniert, lautet die Antwort auf Ihre Frage: Ja. Wenn Sie finden, das der Film nicht funktioniert, lautet die Antwort: Nein.

 

Risikofreudige Ballettmeisterin

 

Ihre Arbeitsweise setzt voraus, dass die Verantwortlichen der Orte, an denen Sie filmen, mit Ihnen kooperieren. Gab es irgendwelche Bereiche, zu denen sie keinen Zugang hatten?

 

Nein. Nachdem Ballettmeisterin Brigitte Lefèvre zugestimmt hatte, konnte ich machen, was ich wollte. Das war sehr großzügig und risikofreudig von ihr. Sie hatte keine Kontrolle über den Film und sah ihn erst, als er fertig war. Doch das Ergebnis gefällt ihr, was mich freut. Ich denke, sie ist eine sehr intelligente und fähige Frau; das wird im Film auch deutlich.


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