Berlin

ID – Contemporary Art Indonesia

Sara Nuytemans & Arya Pandjalu: BIRDPRAYERS #2 , Yogyakarta, Indonesien; Video-Still. Foto: ID Contemporary
Pagoden auf dem Kopf und Erosions-Schlamm von Palmöl-Plantagen, oder: Was Weingummi mit der Regenwald-Abholzung zu tun hat. «ID – Contemporary Art Indonesia» in Berlin bietet spannende Einblicke in eine kaum bekannte Kultur.

Sate-Spieße in Erdnusssoße, Batik-Tücher, Traumurlaub auf Bali und Meldungen über Terror gegen Touristen – mehr Indonesien gibt es in Deutschland nicht. Dabei ist das Archipel zwischen Asien und Australien der weltgrößte Inselstaat mit 17.000 Eilanden, die sich am Äquator auf 5000 Kilometer verteilen. Zugleich ist Indonesien mit 200 Millionen Gläubigen, etwa 90 Prozent der Einwohner, die größte muslimische Nation der Welt.

 

Info

ID - Contemporary Art Indonesia

 

11.12.2010 - 13.02.2011
täglich 12 - 19 Uhr im Kunstraum Kreuzberg, Bethanien, Mariannenplatz 2, Berlin



Katalog 15 €

 

Weitere Informationen

Mit dem sittenstrengen Islam Arabiens hat die indonesische Variante allerdings wenig zu tun: Durch Einflüsse aus Indien, Südostasien, China und lokale Traditionen haben sich zahlreiche Mischformen herausgebildet. Dieser Synkretismus tritt sehr tolerant auf: Die 300 Völker des Landes müssen sich nur zu einer der Weltreligionen bekennen – der Rest ist ihre Privatsache.

 

Koexistenz der Religionen

 

So vielfältig und abwechslungsreich wie ihr Vielvölkerstaat treten auch die indonesischen Künstler im Kunstraum Kreuzberg Bethanien auf: Keine Position gleicht einer anderen. Die Koexistenz der Religionen thematisiert das Duo Sara Nuytemans und Arya Pandjalu mit einer so simplen wie wirkungsvollen Performance.

 

Vier Akteure tragen Modelle einer Kirche, einer Moschee, einer Pagode und einer Synagoge auf dem Kopf spazieren. Ihr Gänsemarsch wirkt je nach Umgebung unterschiedlich – ob in Bali, Istanbul, Rom, Den Haag oder Berlin, wie ein Video dokumentiert. Eindeutig engagierte Kunst produziert dagegen Setu Legi mit seiner Installation «Tanah Tumpah Darah».

 

Köpfe gehen in Palmöl-Flut unter

 

Ein wandfüllendes Tuch zeigt ein Gemälde in naiver Manier: Ein Ureinwohner erschrickt vor der Abholzung des Regenwaldes, die Platz für Ölpalmen-Plantagen schaffen soll. Indonesien ist der weltgrößte Exporteur von Palmöl und hat seine Produktion in den letzten Jahren massiv ausgeweitet.

 

Dieses hochwertige Pflanzenfett steckt in unzähligen Konsumartikeln: Von Seife und Waschmittel bis zu Frühstücks-Flocken und Weingummi. Legi hat diese Waren fein säuberlich eingetütet – umgeben von indigenen Köpfen, die in der Flut unterzugehen scheinen. Später wird er die Fläche mit braunem Erosions-Schlamm ausfüllen.

 

Planen halten Fracht oder schonen Auto-Lack

 

Allmähliche Veränderung während der Laufzeit der Ausstellung kennzeichnet mehrere Werke. Wie «Indonesian Zone» von Ruang Mes 56: Das Kollektiv beklebt ganze Wände mit Fototapeten. Sie zeigen Alltags-Ansichten,  die einander durch Gegenüberstellung kommentieren. Ein überladener Lastkarren ist mit Planen verzurrt, damit die Fracht hält – daneben bedeckt eine Schutzhaube einen Privat-Pkw, damit der Lack nicht leidet.

 

Auch Yudi Noor will seine Installation während der Schau weiter ausbauen. Er kombiniert archaische Werkstoffe wie das Wurzelgeflecht eines Kaffeebaums mit modernen Zutaten wie bunten Neonröhren. Rizki Resa Utama ist ein Verwandlungskünstler: Er schlüpft in die Kleidung anderer Leute und lichtet sich in ihrem Heim ab – Travestie à la Cindy Sherman für die Gegenwart.

 

Wayang-Schattenspiel im Film-Zelt

 

Während die indonesischen Teilnehmer die Frage der Kuratoren nach Identität mit farbenfrohen, leicht zugänglichen Arbeiten beantworten, pflegen die deutschen Teilnehmer eher hermetische Spielarten. Jorinde Voigt notierte Umwelt-Geräusche auf Millimeter-Papier – so unleserlich und unzugänglich wie die Endlos-Serien einer Hanne Darboven.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Gruppen-Ausstellung "ASIA: Looking South" mit fünf indonesischen Künstlern in der Galerie ARNDT, Berlin.

Sally Moira Bussa sammelte Memorabilia bei ihrem einjährigen Aufenthalt in Yogyakarta: Viel scheint ihr nicht in die Hände gefallen zu sein. Nadin Reschke ist in zwei Jahren von Berlin nach Australien gereist und ließ dabei ihr Zelt von Ortsansässigen besticken – doch zusammengefaltet gibt es seine Verzierungen nicht preis. Ein Film zeigt indes, wie Indonesier ihre Reise als traditionelles Schattenspiel Wayang nachstellen.

 

Die Berliner Ausstellung ist der Nachfolger der Schau «HomeSweetHome», die vom selben Team vor drei Jahren in Yogyakarta auf Java inszeniert wurde; weitere Stationen in anderen europäischen Ländern sollen folgen. So wandelt sie ihre Identität ebenso wie die gezeigten Werke. Man muss ihr dabei nicht folgen und kann es mit dieser Momentaufnahme belassen: Einen spannenden Einblick in die Kultur eines kaum bekannten Schwellenlandes bietet sie allemal.


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