Leipzig

Kallawaya – Heilkunst in den Anden

Grassimuseum Leipzig, Blick vom Johannisplatz in den ersten Innenhof. Foto: Michaela Weber/ Quelle:Museum Grassi

Das Grassimuseum in Leipzig beherbergt das schönste Völkerkunde-Museum in Deutschland. Derzeit stellt es die Kallawaya-Heilkunst in Bolivien vor: Sie hat Europäern überraschend viel zu bieten.

So schöne Museen werden heute nicht mehr gebaut. Das 1929 fertig gestellte Grassimuseum in Leipzig ist ein Meisterwerk von Baugestaltung und Raumorganisation. Die Fassade wurde mit rotem Porphyrit verkleidet und sparsam mit Art-Déco-Elementen verziert; der Komplex wirkt trotz seiner Größe nirgends wuchtig. Die Gebäudetrakte umschließen zwei Haupt- und zwei Nebenhöfe, was vier Rundgänge pro Geschoss erlaubt.

 

Info

Kallawaya – Heilkunst in den Anden

 

03.12.2010 – 08.05.2011
täglich außer montags
10 – 18 Uhr
im Grassi Museum für Völkerkunde, Johannisplatz 5 – 11, Leipzig

 

Weitere Informationen

 

Drei Museen hausen hier in friedlicher Koexistenz, darunter das nach Berlin-Dahlem zweigrößte Völkerkunde-Museum in Deutschland. Seit der 2005 abgeschlossenen Sanierung kann es seine fantastische Sammlung optimal präsentieren: als «Rundgänge in einer Welt» über zwei Etagen. Eine gelungene Mischung von Exponaten, Texten und Installationen stellt Kulturen aller Kontinente anschaulich dar – selbst die Nomadenvölker Sibiriens, die vergleichbare Häuser kaum berücksichtigen.

 

Indio-Wanderheiler

 

Doch beschränkt sich das Grassimuseum nicht auf klassische Ethnologie. Mit anspruchsvollen Sonderausstellungen greift es scheinbar entlegene Themen auf und zeigt ihre Relevanz für die Gegenwart. Aktuell ist «Kallawaya: Heilkunst in den Anden» zu sehen. Kallawaya nennen sich Indio-Wanderheiler aus einer bestimmten Provinz in Bolivien, die im ganzen Land und darüber hinaus praktizieren.


Impressionen der Ausstellung, Teil 1


 

Stationen der Heilung

 

Auf Betreiben der Regierung in La Paz nahm die UNESCO 2003 die Weltanschauung der Kallawaya ins immaterielle Weltkulturerbe auf. Dadurch wurden Entwicklungshelfer und Pharmafirmen auf sie aufmerksam; nun rivalisieren organisierte städtische Heiler und ihre traditionellen ländlichen Kollegen miteinander. Zudem hat das Museum die Sammlung der Ethnologin Ina Rösing angekauft, die jahrelang die Kallawaya-Kultur erforschte – ihre authentische Form soll dokumentiert werden, bevor sie zu verschwinden droht.

 

Allerdings in einer Inszenierung, die jedem Patienten vertraut ist. Der Parcours gliedert sich in die Abschnitte Berufung, Prophylaxe, Diagnose und Therapie. Stilisierte Geräte des Gesundheitswesens dienen als Träger für die Schaustücke: Die Station Diagnose markiert ein mannshohes Mikroskop, enorme Spritzen enthalten Amulett-Arznei. Der Kontrast zwischen westlicher Apparate-Medizin und dem Vorgehen der Kallawaya könnte nicht deutlicher sein.

 

Sie werden zur Heilkunst berufen – nach eigener Aussage durch Blitzschlag. Jakobsmuscheln und Steine bezeugen, dass sie auserwählt sind. Anschließend lernen sie bei einem Meister: die Wirkung zahlreicher Heilkräuter, aber auch die korrekte Durchführung der Heil-Rituale. Nach ihrer Initiation können sie praktizieren.


Impressionen der Ausstellung, Teil 2


 

Diagnose-Praktiken

 

Krankheiten diagnostiziert ein Kallawaya mit Koka-Blättern oder Kartenlegen. Autochthone Gebräuche und Kolonial-Importe werden gleichermaßen benutzt; so ist der Heilige Jakob der Schutzpatron der Kallawaya. Zur Therapie verfügen sie über zwei Typen von Heil-Ritualen. Bei der «Weißen Mesa» werden höheren Mächten diverse kleine Opfer dargebracht, um sie günstig zu stimmen – etwa Fett, Bonbons, Alkohol, aber auch ein Lama-Fötus.

 

Die «Schwarze Mesa» richtet sich gegen einen Feind und soll ihm direkt schaden. Beide Riten ähneln der weißen und schwarzen Magie im europäischen Verständnis. Andere Praktiken sind der Alten Welt fremd: So kann ein Kallawaya den erkrankten Körper mit einem Meerschweinchen bestreichen, es sezieren und somit das Leiden bestimmen. Leider muss das Nagetier dabei sein Leben lassen.

 

Weltbild der Kallawaya

 

Bei aller Andersartigkeit basiert das Weltbild der Kallawaya-Indios jedoch auf Prinzipien, die viele vormoderne Kulturen teilen. Wenn ein Übel auftritt, ist etwas aus der Balance geraten. Meist ließ der Betroffene es an Achtung für die Götter fehlen; seine Schulden kann er durch Opfergaben abtragen. Dabei wird sein Umfeld einbezogen.

 

Diese ganzheitliche Betrachtungsweise findet auch in der westlichen Schulmedizin Anhänger. Sie schenken nicht nur dem Placebo-Effekt, sondern allen Lebensumständen des Patienten und seiner Beziehung zum Arzt Beachtung. Mit diesem Paradigma, weniger ihrem Heilkräuter-Wissen, gewinnt die Kallawaya-Kultur Bedeutung auch für den Rest der Welt, der kein Quechua spricht.

 

Übrigens ließ sich Kuratorin Iris Edenheiser einmal bei ihrer Feldforschung in Bolivien von einem Kallawaya behandeln. Geheilt hat er sie nicht. Aber sie hat auch nicht die Nahrungs-Vorschriften eingehalten, die er ihr gab.


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