Dresden

KunstFotografie – Emanzipation eines Mediums

Frieda Riess: Renée Sintenis, 1925, Silbergelatinepapier. Foto: SKD

Mit Gummidruck zum Gemälde: Die Piktorialisten waren die erste weltweite Fotografie-Bewegung. Sie kämpften um die Anerkennung ihrer Werke als Kunstform – vergeblich. Das Kupferstich-Kabinett in Dresden zeigt eine erstklassige Auswahl.

Maler würden von Grisaillen sprechen. Die monochromen Bilder gleichen in Sujet und Ausführung impressionistischen Gemälden: Einfühlsame Porträts, stimmungsvolle Landschaften, flüchtige Alltags-Momente mit unscharfen Konturen und delikaten Farb-Abstufungen. In Grau, Blau, Braun oder Rot – aber stets nur einer Farbe. Bis auf die Werke der «Gummidruck-Meister», die mit Mehrfach-Belichtungen fast natürliche Farbwerte erzielen.

 

Info

KunstFotografie – Emanzipation eines Mediums

 

04.12.2010 – 07.03.2011
täglich außer dienstags 10 – 18 Uhr im Kupferstich-Kabinett, 3. OG, Residenzschloss Dresden

 

Katalog 39,80 €

Das Dresdner Kupferstich-Kabinett verfügt über eine der ältesten Fotosammlungen in deutschen Museen. Nun ist der Bestandskatalog fertig – Anlass für diese Ausstellung. Gezeigt werden 160 Fotografien von 1840 bis 1940, wobei der Schwerpunkt auf Arbeiten um 1900 liegt. 1898 erklärte Kabinetts-Direktor Max Lehrs Fotos zur Kunst und kaufte sie systematisch an.

 

An der Malerei orientiert

 

Lehrs ergriff Partei für die Bewegung des Piktorialismus. Deren Anhänger, meist Amateure, traten gegen die kommerziellen Foto-Ateliers mit ihren stereotyp arrangierten Porträts auf. Die Piktorialisten wollten zeigen, dass Fotografie genauso komplexe Sinneseindrücke wie die bildende Kunst vermitteln kann. Dabei orientierten sie sich an der Malerei des 19. Jahrhunderts.


Impressionen der Ausstellung


 

Nach herkömmlichen Gattungen geordnet

 

Dieser heute antiquiert wirkende Ansatz musste damals dem Publikum erst schmackhaft gemacht werden. In Zeitungsartikeln lobte Lehrs die Werke, indem er sie mit berühmten Künstlern verglich. Nicola Perscheids monumentales Porträt eines Schnitters ist für ihn «ein Bild, das in der kraftvollen Größe der Auffassung gleichermaßen an Millet und an Meunier erinnert». Hugo Henneberg Aufnahme einer Zypresse wirkt auf Lehrs wie «ein bisher unbekannter Böcklin». Und einen weiblichen Rücken-Akt von John Page Croft preist er als «köstlichen Akt, bei dem einem unwillkürlich der Name Degas auf die Lippen kommt».

 

Auch die erste Ausstellung von 70 Neuerwerbungen folgte 1899 den Konventionen von Kunst-Salons: Sie war nach herkömmlichen Gattungen wie Porträt, Landschaft, Genre und Tierstück geordnet. Die Reprise 111 Jahre später behält diese Aufteilung bei – und reichert sie mit Vor- wie Nachgeschichte an.

 

Massenartikel ab 1850

 

Zu den ältesten Stücken zählen zwei fotogenische Zeichnungen von 1839: Sie entstanden durch Direktbelichtung von lichtempfindlichem Papier und sind heute arg verblasst. Dagegen haben Kollodium-Bilder ihre Schärfe bis heute bewahrt: Dieses Verfahren mit Glasplatten als Bildträgern war jedoch recht teuer. Zum Massenartikel wurden Fotos ab 1850, als es gelang, Aufnahmen auf Silbergelatinepapier zu fixieren.

 

Gegen diese Flut von Standard-Abbildungen wandten sich die Piktorialisten. Ihren Kunst-Anspruch untermauerten sie mit aufwändigen Techniken, die manuelle Eingriffe erlaubten. Der Platindruck lieferte exzellente Aufnahmen mit großer Tiefenschärfe, war aber extrem teuer. Zu einem der beliebtesten Verfahren der Bewegung wurde daher der Gummidruck.

 

Zehn Mal beschichtet + belichtet

 

Dabei wird das Fotopapier mit Gelatine beschichtet und getrocknet. Anschließend wird eine lichtempfindliche Schicht aus Gummi arabicum aufgetragen, die mit Farbpigmenten versetzt ist. Das getrocknete Papier wird belichtet; dann werden die unbelichteten Stellen ausgewaschen. Da das Papier bis zu zehn Mal beschichtet und belichtet werden kann, sind mehrfarbige Bilder möglich.

 

Manche dieser Bilder ähneln heutigen Farbfotos. Aber ihr Herstellungs-Verfahren entspricht eher dem Vierfarb-Druck. Allerdings nicht im Aussehen: Mit ihren unscharfen Rändern und weich changierenden Farbverläufen würden sie in jeder Druckerei aussortiert. Doch gerade diese Eigenschaften schätzten die Piktorialisten als malerische Effekte, die ihre Bilder auf eine Stufe mit Zeichnungen und Aquarellen stellten.

 

Imitation einer anderen Kunst

 

Sie imitierten eine andere Kunstform, anstatt die ästhetischen Möglichkeiten des neuen Mediums auszuloten, hielten ihnen die Vertreter avantgardistischer Fotografie in den 1920er Jahren vor. Diese sind ebenso mit hervorragenden Beispielen in der Schau vertreten: Extreme Perspektiven von Alexander Rodtschenko, Negativ-Montagen von El Lissitzky, Naturstudien von Albert Renger-Patzsch oder Tanzfotos von Gret Palucca und Mary Wigman.

 

Das «Neue Sehen» setzte sich rasch durch und drängte die Piktorialisten an den Rand. Daran hat auch die Digitalisierung der Fotografie nichts geändert. Auch wenn heute kaum ein Foto publiziert wird, dass nicht zuvor am Computer bearbeitet worden ist: Wie ein Gemälde aussehen soll keines mehr.


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