Leipzig

Michael Triegel: Verwandlung der Götter

Michael Triegel: Porträt Papst Benedikt XVI. (Detail), 2010, Mischtechnik auf MDF-Platte, 100,5 x 76 cm. Foto: © VG Bild-Kunst

Zurück in die Renaissance: Der Leipziger Michael Triegel malt altmeisterlich. Nun richtet ihm das Museum der bildenden Künste eine Werkschau aus: Süffige Rätselbilder für die Event-Gesellschaft.

Die große Irritation: Ist das eine Ausstellung zeitgenössischer Malerei? Die gedämpfte Beleuchtung, die üppigen Goldrahmen mit Altersspuren, die religiösen oder mythologischen Sujets und ihre detailverliebte Ausführung legen den Schluss nahe, in eine Galerie Alter Meister geraten zu sein. Doch keines der 70 Tafelbilder ist älter als 16 Jahre: Willkommen in der Werkschau von Michael Triegel!

 

Info

Michael Triegel –
Verwandlung der Götter

 

28.10.2010 – 13.02.2011
täglich außer montags 10 – 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr im Museum der bildenden Künste, Katharinenstr. 10, Leipzig

 

Katalog 29,90 €

 

Weitere Informationen

Der in Leipzig ausgebildete 42-Jährige ist mit voller Absicht reaktionär. Radikaler kann man die Moderne kaum boykottieren: Triegel malt in Renaissance-Manier mit Lasurtechnik, die den Oberflächen süffigen Schmelz verleiht.

 

Goethe-Pilgerfahrt nach Weimar

 

Er bedient sich ausgiebig im Motiv-Fundus der Antike und der christlichen Ikonographie. Gern arbeitet er lateinische oder altgriechische Mottos ein. Mit römischen Ziffern signiert er.

 

Das betrachtet Triegel als ultimative Herausforderung: «Mit Öllasur figürlich malen, dabei kirchliche Aufträge annehmen und dazu noch den Papst porträtieren – für den Kunstbetrieb gibt es keine größere Provokation». Seinen Oppositions-Geist pflegte er schon in seiner DDR-Jugendzeit, als er mit Freunden nach Weimar pilgerte, um Goethe und Wieland zu huldigen.


Michael Triegel über sein Papst-Portät von Benedikt XVI.; © MdbK


 

Konfessionsloser malt Altar-Bilder

 

In der Kirche hat er einen mächtigen Mitstreiter wider den Zeitgeist gefunden: Ihr hat der Konfessionslose bereits drei Altar-Bilder geliefert. Das Museum am Dom in Würzburg sammelt seine Werke. Die Diözese Regensburg hat bei ihm ein Bild von Papst Benedikt XVI. bestellt; es ist dient der Leipziger Schau als Publikums-Magnet.

 

Dessen Ähnlichkeit zu Raffaels Porträt von Papst Julius II. aus dem Jahr 1511 ist unverkennbar. Ohnehin hält die Ausstellung etliche Deja-vu-Effekte bereit: Triegels «Abendmahl» kopiert Leonardo da Vinci, bloß ohne Jünger. Seine Porträts könnten von Holbein oder Cranach stammen. Auch Lorenzo Lotto und Velázquez erleben hier ihr Comeback in der Gegenwart.

 

Begrenztes motivisches Vokabular

 

Dabei übernimmt Triegel nicht nur Komposition und Machart von historischen Vorbildern, sondern auch ihre Symbolik: Seine Leinwände wimmeln von Mementos, Vanitas-Darstellungen und didaktischen Elementen. Fast alle sind leicht aufzulösen. Ihre rasche Konsumierbarkeit macht sie zu massentauglichen Rätselbildern: Rebusse in Öl für die Event-Gesellschaft.

 

So handwerklich virtuos Triegel auch ist, so eng begrenzt ist sein motivisches Vokabular: beliebte Helden der Mythologie wie Flora, Medea und Prometheus sowie die Stationen der Passion Christi wie Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung. Ebenso seine Zutaten: Fische, Gliederpuppen, Tücher. Das unterscheidet ihn von den Gründervätern der Leipziger Schule wie Werner Tübke und Bernhard Heisig oder seinen Generationsgenossen wie Neo Rauch oder Norbert Bisky.

 

Ritterschlag von Tübke

 

Von Tübke mit seiner manieristischen Maltechnik empfing Triegel nach eigener Aussage den «Ritterschlag». Tübke verwendete jedoch seine makellose Ästhetik stets für komplexe Entwürfe von universalem Anspruch, etwa beim Bauernkriegs-Panorama in Bad Frankenhausen. Anders Triegel: Ihm genügt die Wiederholung weniger, kunstgeschichtlich bestens eingeführter Themen mit hohem Wiedererkennungs-Wert.

 

Das dürfte, verbunden mit der Pose des bildungsbürgerlichen Rebellen, seinen Marktwert weiter steigern. Wenn Tübkes Gunst der Ritterschlag war, dann ist diese Retrospektive im Museumstempel die Erhebung in den Adels-Stand. Auf rote Punkte auf den einschlägigen Messen kann Triegel getrost verzichten. Sein Käuferkreis sind die konservativen Sammler gediegener Großformate und der Klerus, der seit jeher mit der Moderne fremdelt: Beide sind reich und zahlen gut.


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