Ulm

Der Welt-Menschheit größte Erfindung! – Karl Hans Janke: Ideen eines Weltraumfantasten

"Der Welt erstes Atom-Magnetisches Elektroden-Strahl-Triebwerk / Raumflug-Triebwerk"; Foto © Karl Hans Janke Museum Wermsdorf
Karl Hans Janke hat die Energie-Probleme der Menschheit gelöst. Leider bekam es niemand rechtzeitig mit. Die ästhetisch reizvollen Pläne des 1988 gestorbenen Querdenkers sind derzeit im Stadthaus Ulm zu sehen.

Wer seinen Lebenslauf so aufsetzt, wird es schwer haben, eine Anstellung zu finden: «Mein familiärer Leidenweg! 1909 wurde ich geboren! Meine Eltern hatten ein größeres Haus. Wenn ich 1921 geheiratet hätte, mit 22 Jahren, dann wären meine Kinder, wenn es ein Junge wäre, 1939 bei Kriegsanfang, 18 – 19 Jahre alt. (…)». Doch Karl Hans Janke wollte keinen Job: «Und für den z.Zt. durch Hugenotten, eine Sekte französ. Schweizer, regierten Staat sowie für die Franzosen in Rußld. arbeite ich nicht! Furchtbar! Für Hitler auch nicht mehr!»

 

Info

Der Welt-Menschheit größte Erfindung! - Karl Hans Janke: Ideen eines Weltraumfantasten

 

17.12.2010 - 17.04.2011
täglich 10 - 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, sonntags ab 11 Uhr im Stadthaus, Münsterplatz 50, Ulm

 

Begleitband 19 €

 

Weitere Informationen

Er brauchte auch keinen Job: Von 1948 bis zu seinem Tod 1988 war Janke in der Psychiatrischen Anstalt von Schloss Hubertusburg bei Wermsdorf interniert. Die Diagnose der Ärzte lautete «chronisch paranoide Schizophrenie» mit dem Symptom «wahnhaftes Erfinden». Dabei war ihr Patient ungemein fleißig. In 40 Jahren entwickelte er 420 Neuerungen, die er auf rund großformatigen 10.000 Zeichnungen festhielt. Dazu kommen zahllose Modelle und Fotos.

 

Nachlass im Jahr 2000 entdeckt

 

Sein Nachlass füllte ein Dutzend Obstkisten; sie wurden im Sommer 2000 auf dem Dachboden des Schlosses entdeckt. Seither hat der verkannte Technik-Pionier eine gewisse Rehabilitation erfahren. Jankes Arbeiten wurden im belgischen Gent, im Berliner Künstlerhaus Bethanien, im Festspielhaus Hellerau in Dresden und im französischen Créteil gezeigt. Nun sind die «Ideen eines Weltraumfantasten» im Stadthaus Ulm zu sehen.


Impressionen der Ausstellung


 

Präzise + perfekte Konstruktions-Zeichnungen

 

Nicht zufällig werden Jankes Werke vorwiegend im Kunst-Kontext ausgestellt: Seine Konstruktions-Zeichnungen sind von makelloser Präzision und Perfektion. Man könne nichts hinzutun und nichts wegnehmen, hat der frühere Documenta-Leiter Jan Hoet bemerkt: Janke fülle formvollendet jedes Blatt. Zudem gehen die Bilder über nüchterne Baupläne weit hinaus: Sie stellen anschaulich und kongenial die Aufbruchsstimmung der technischen Moderne dar.

 

Schon in den 1920er Jahren träumte man vom Aufbruch zu den Sternen: 1927 wurde in Breslau ein «Verein für Raumfahrt» mit 500 Mitgliedern gegründet. Da besuchte Janke noch die Oberrealschule in Berlin-Steglitz. Nach einem Semester Zahnmedizin an der Uni Greifswald belegte er als Gasthörer Kurse an der Technischen Hochschule Berlin. 1936 und 1939 meldete er beim Patentamt zwei Erfindungen an, für die er Patente erhielt.

 

Strom aus Magnetfeld der Erde abzapfen

 

Dann kam der Krieg. Mehrmals wurde Janke eingezogen, aber wegen Verdachts auf Schizophrenie aus der Armee entlassen. In den Nachkriegswirren starben seine Eltern. Verwahrlost wurde Janke 1948 festgenommen und in die Psychiatrie eingewiesen. Dort galt er als unauffälliger Insasse, der sich absonderte, etwas gespreizt auftrat und die Nähe zu den Ärzten suchte – sie sollten seine Erfindungen an Sachverständige weiterleiten.

 

Jankes Gedankengebäude beruhte auf einer revolutionären Idee: Er wollte Strom, den das Magnetfeld der Erde angeblich durch Sonnen-Einstrahlung enthalte, «abzapfen» und in «Kraftanlagen» einspeisen. Als Allzweck-Motoren sollten sie alle möglichen Maschinen antreiben: Vom Kühlschrank bis zum Raumschiff für Reisen in andere Planeten-Systeme. Die damit denkbaren Errungenschaften malte er sich in tausend Variationen liebevoll aus.


Interview mit Ausstellungs-Kurator Raimund Kast


 

Mit dem «deutschen Atom» ins Weltall 

 

Der Entdecker des «deutschen Atoms» war beileibe kein simpler Spinner. Seine Zeichnungen zeugen von soliden technischen Grundkenntnissen eines Hobby-Ingenieurs. Und der Traum von einer unbegrenzten, kostenlosen und schadstofffreien Energiequelle ist ein zentrales Phantasma der Moderne. Die Physiker, die seit Jahrzehnten in riesigen Forschungs-Reaktoren an der Kernfusion herumdoktern, hoffen auf nichts anderes.

 

Auch mit seiner Fixierung auf eine Weltraumfahrt im großen Stil war Janke ganz Kind seiner Generation. Bloß wünschte er sich Raketen als Konsum-Spielzeuge: «Bitte nur zu friedlichen Zwecken!» prangt als Losung über einem besonders üppig geratenen Exemplar. Derweil entwickelten sich die Dinge außerhalb seiner Anstalt in eine andere Richtung.

 

Auswanderung ins All im Alleingang

 

Der etwa gleichaltrige Werner von Braun hatte in Peenemünde «Vernichtungswaffen» gefertigt. Nach dem Krieg konstruierte er in den USA Interkontinental- und Mond-Raketen. Vergleicht man seine Baupläne mit denen von Janke, verblüfft, wie sehr sich Erscheinungsbild und funktionale Aufteilung des Innenraums ähneln. Womöglich hätte Janke im Manhattan-Projekt einen passablen Entwicklungs-Ingenieur abgegeben.

 

Doch im Schloss Hubertusburg hatte er keine Chance. Für Querdenker seines Schlages war in der DDR kein Platz. Was bleibt, ist ein kaum überschaubares Konvolut von eigenem ästhetischen Reiz. Als wären die Science-Fiction-Comics und –Filme der 1950er bis 1970er Jahre mit technischem Sachverstand entworfen worden: Janke probte im Alleingang die Auswanderung ins All.     


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