Darren Aronofsky

Schwanensee als Halluzinogen-Trip

Ihre Hauptfiguren haben meist etwas Selbstzerstörerisches. Warum fühlen Sie sich davon angezogen?

 

Ich weiß es nicht – sagen Sie es mir! (lacht) Darüber habe ich noch nicht intensiv nachgedacht; mein Instinkt führt mich einfach dorthin. Ich habe keine psychologische Erklärung dafür. Aber es handelt sich stets um Charaktere, deren Leben unter immensem Druck steht.

 

Das ist ein klassischer Topos: Die Helden treffen auf enorme Hindernisse, und entweder sie überwinden diese, oder ihr Leben wird darunter begraben und zerstört. Von Odysseus über Moses bis heute zieht sich dieses Muster durch alle Heldensagen. Ich übertrage das nur auf meine Figuren. Doch sie haben auch andere Eigenschaften.

 

Widerspruch zwischen Schmerz und Schönheit

 

Waren Sie enttäuscht, dass Mickey Rourke für «The Wrestler» keinen Oscar erhalten hat – und hoffen Sie, dass Natalie Portman einen bekommen wird?

 

D.A.: Natürlich; sie hätte ihn verdient. Meine Schauspieler arbeiten sehr hart für mich, und ich wünsche ihnen, dass sie dafür so viel Anerkennung wie möglich bekommen. Schließlich hat Natalie Portman für «Black Swan» ein ganzes Jahr lang alles getan, um ihre Figur zum Leben zu erwecken; dafür hat sie jede Belohnung verdient.

 

Wie wichtig ist Ihnen die physische Präsenz Ihrer Schauspieler?

 

D.A.: Ich bewundere Schauspieler, die quasi eine Art Nabelschnur zum Universum haben und mit ihrem Spiel das Publikum hinreißen können. Physische Präsenz ist eine sehr visuelle Art, das herauszukehren.

 

Geistige Prozesse wie Schreiben oder Malen zu zeigen, ist sehr schwierig. Anders als bei Kunstformen, in denen der Körper benutzt wird, um etwas darzustellen: Es ist sehr interessant, den Widerspruch vorzuführen zwischen dem Schmerz einerseits und andererseits der Schönheit und Freude, die damit geschaffen werden.

 

Film wie ein einziges Ballett

 

Gehört Filme machen auch dazu?

 

D.A.: Ich denke nicht. 95 Prozent meiner Arbeit ist Bürokratie: Terminkalender erstellen, Budget berechnen, Pläne machen – es ist ein Mist-Job! Nur in fünf Prozent meiner Arbeitszeit habe ich es mit Schauspielern zu tun; erstaunlich, nicht wahr? Die Spanne von den Dreharbeiten bis zum Ende des Schnitts ist mir heilig, aber die meiste Zeit verbringe ich damit, mich zu fragen, ob und wie es weitergeht.

 

Wie haben sie die furiosen Tanz-Szenen gedreht?

 

D.A.: Mein Kameramann war selbst ein Tänzer. Wenn Natalie Portman ein Solo tanzte, wirbelte er um sie herum, als ob sie ein Duett hätten. Es war choreographiert, sollte aber gleichsam dokumentarisch wirken.

 

Die Grundidee war, dass nicht nur die Tanz-Szenen, sondern der ganze Film wie ein einziges Ballett aussehen sollte. Die Kamera bewegt sich so viel wie möglich, damit die Aufnahmen so bewegt und aufregend wie eine Tanz-Aufführung aussehen.

 

Die Welt mit Portmans Augen sehen

 

Doch die realen Szenen und die Halluzinationen der Hauptfigur verschmelzen miteinander, so dass der Zuschauer sie kaum auseinander halten kann.

 

D.A.: Genau das war meine Absicht: Der quasi-dokumentarische Look der ersten Hälfte soll das Publikum in Sicherheit wiegen, damit es aufgeschreckt wird, wenn in der zweiten der Schrecken beginnt.

 

Das einzige Ziel des Films ist, den Zuschauer in den Kopf von Natalie Portman zu bugsieren, damit er die Welt mit ihren Augen sieht – nicht mehr, nicht weniger. Deshalb hinkt der Film nie hinter ihr her oder eilt ihr voraus. Der Betrachter sieht immer nur das, was sie erlebt.


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