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Gregory Crewdson: Untitled (Forest Clearing; Detail), ‘Beneath the Roses’, 2006, Digitaler Pigmentdruck, 144,8 x 223,5 cm. Foto: Museum Frieder Burda/ © Gregory Crewdson, 2010

Unheimliche Wirklichkeiten: Duane Hanson und Gregory Crewdson


Amerikas alltäglicher Alptraum: Duane Hanson und Gregory Crewdson halten die Schrecken des Gewöhnlichen fest. Das Museum Frieder Burda zeigt ihre lebensgroße Figuren und meterlangen Fotografien – eine perfekte Kombination.


Ein dream team: Beide Künstler passen so gut zusammen, dass man sich wundert, warum sie erstmals gemeinsam ausgestellt werden. Zwar fertigte der 1996 gestorbene Duane Hanson ausschließlich lebensgroße Skulpturen an, während Gregory Crewdson Panoramen fotografiert. Doch beider Werke behandeln dasselbe Thema: Amerikas alltäglichen Alptraum.

 

Info

Unheimliche Wirklichkeiten: Duane Hanson und Gregory Crewdson

 

27.11.2010 - 06.03.2011

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr im Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden

 

Weitere Informationen

Bei völligem Verzicht auf Schockeffekte. Hansons naturgetreue Figuren sind Durchschnittsmenschen in banalen Posen: Ein Rentner-Ehepaar auf einer Bank, eine schwarze Putzfrau, zwei Bauarbeiter bei einer Arbeitspause, ein Reisender mit Gepäck. Mit schütterem Haar und teigiger Haut, Schmerbäuchen und Krampfadern in abgetragener Freizeitkleidung voll greller Farben.

 

Nur 120 Figuren in vier Jahrzehnten

 

Genau die Gestalten, die Supermärkte, Fast-Food-Restaurants und Bahnhöfe bevölkern. An denen jeder vorbei schaut, weil sie den Augen keinerlei Reize bieten: Hier im Museum sieht man genauer hin. Und bemerkt ihre aufgedunsenen Leiber, unreine Haut und Altersfalten, ihren gebrochenen Blick, der ins Leere geht; die Atmosphäre von Trauer und Resignation, die sie umgibt.

 

Hanson formte sie aus Kunststoff oder Bronze, modellierte ihre Haut und bemalte sie, nähte Haare ein und staffierte sie mit Accessoires aus. In vier Jahrzehnten schuf der Künstler nur 120 Figuren; 30 sind in der Schau zu sehen. Die enorme Mühe verleiht ihnen die Aura des Kostbaren.

 

Schrecken des Gewöhnlichen

 

Als Exponate genießen sie eine Aufmerksamkeit, die ihren lebenden Vorbildern nie zuteil wurde. So werden sie zu Denkmälern unerfüllter Träume und enttäuschter Hoffnungen: Schrecken des Gewöhnlichen.

 

Dagegen verwandelt Gregory Crewdson das Gewöhnliche ins Schreckliche: Seine meterlangen Digitaldrucke wirken wie Standbilder aus Spielfilmen von Hitchcock oder David Lynch. Ausgefeilte Kompositionen und raffinierte Lichtführung machen aus Interieurs, Straßenansichten oder Landschaften vieldeutige Szenerien, in denen im nächsten Moment alles Mögliche passieren könnte.

 

Niemandsland aus der Nähe

 

Zentralperspektive, klassische Bildformeln und delikat dunkle Farbtöne suggerieren eine wohlgeordnete Welt. Kleine Protagonisten scheinen geborgen im Kosmos zu sein. Das täuscht: Ihnen geht es nicht gut. Suchend, verwirrt oder teilnahmslos stehen oder sitzen sie in einem Ambiente, das aus der Nähe betrachtet einem Niemandsland gleicht.

 

Kleidung und Hausrat liegen verstreut umher; Müll und Schutt sprenkelt Gärten und Wiesen. Die «Naturbrücke» an einem Fluss ist ein geborstenes Beton-Wehr. Das halbnackte Paar, das sich in der «Waldlichtung» am Wasser niederlässt, liegt auf einer vergammelten Matratze. In der «Oak Street» steht eine dicke Schwangere nackt in ihrem Vorgarten, von den Nachbarn unbeachtet.

 

Hansons Gestalten könnten Crewdsons Bilder bevölkern

 

Es sind Symptome von Verwahrlosung und Zerfall, die Crewdson im amerikanischen Kleinstadt-Milieu inszeniert. Deren exquisite Tristesse erfordert ebenso erheblichen Aufwand. Er beschäftigt bis zu 40 Leute, die Straßen sperren, den Schauplatz ausleuchten und für die richtige Position jeder Einzelheit sorgen. Wie beim Film.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht über die Ausstellung "In A Lonely Place" mit Werken von Gregory Crewdson in der Galerie C/O Berlin.

Damit gelingen Crewdson betörende Tableaus voller verstörender Details. Mit künstlichen Effekten kitzelt er aus natürlichen Umgebungen das Bedrohliche hervor. Wie umgekehrt Hanson Normalbürger zu Kunstfiguren verarbeitet, um auf die Verfallsspuren des Lebens aufmerksam zu machen.

 

Mit ihrer Gegenüberstellung zeigt das Museum Frieder Burda eindrucksvoll ihre Wesensverwandtschaft: Hansons Gestalten könnten jederzeit Crewdsons Bilder bevölkern. Eine Welt, in der man nicht leben möchte, aber dauernd muss.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 08.01.2011





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