Neu-Ulm

Albert Weisgerber: Malerei

Albert Weisgerber: Selbstbildnis am Attersee, 1911, Ölfarbe auf Leinwand, 78 x 65 cm. Foto: Albert Weisgerber Museum, Sankt Ingbert

Exhumierung aus dem Massengrab der Kunstgeschichte: Das Edwin Scharff Museum zeigt einen Virtuosen, der alle Stile der Malerei um 1900 beherrschte – und nach seinem frühen Tod in Vergessenheit geriet.

Manchen Künstlern verhilft ein früher Tod zu unsterblichem Ruhm: Der Mythos vom Götterliebling vergoldet für immer ihren Nachlass. Anderen widerfährt das Gegenteil: Ihr Werk wird als unausgereift abgetan und gerät in Vergessenheit. Das ist Albert Weisgerber (1878 – 1915) passiert. Während Franz Marc und August Macke nach ihrem Soldatentod im Ersten Weltkrieg in den Olymp des Expressionismus auffuhren, landete Weisgerber – er fiel bei Ypern – im Massengrab der Kunstgeschichte.

 

Info

Albert Weisgerber: Malerei

 

04.12.2010 – 27.02.2011
dienstags, mittwochs 13 – 17 Uhr, donnerstags – samstags 13 – 18 Uhr, sonntags 10 – 18 Uhr im Edwin Scharff Museum, Petrusplatz 4, Neu-Ulm

 

Weitere Informationen

Obwohl er einer der talentiertesten und vielseitigsten deutschen Maler um 1900 war. Und eine Zentralgestalt der Münchener Szene. Weisgerber war mit Kollegen wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Max Slevogt befreundet – aber auch mit dem Anarchisten Erich Mühsam, dem Dichter Joachim Ringelnatz und Theodor Heuss, dem späteren Bundespräsidenten. Mit Heuss zog er 1905 wochenlang durch die Galerien in Paris.

 

Museum in St. Ingbert ohne Domizil

 

So facettenreich wie sein Freundeskreis war auch sein Malstil. Vom dunkeltonigen Münchener Salon-Stil ausgehend, hellte er nach 1905 seine Palette impressionistisch auf, wandte sich 1909 religiösen Sujets im Renaissance-Stil zu und integrierte in seinen letzten Jahren expressionistische Elemente. Er wollte keiner Schule angehören und suchte für alle Motive eigene Lösungen. Daher gibt es kein «typisches» Weisgerber-Bild.

 

Das Edwin Scharff Museum – der Hauspatron war Weisgerbers Freund – stellt nun die ganze Bandbreite seines Schaffens vor. Die 50 Gemälde sind fast die Hälfte des Bestands im Museum seiner Geburtsstadt St. Ingbert. Es hat seit 2007 kein Domizil mehr – eine Provinz-Posse eigener Art. Doch in Neu-Ulm lässt sich nun Weisgerbers Werdegang ausgezeichnet nachvollziehen.

 

Virtuoses Spiel mit verschiedenen Stilen

 

Wer die lichten Porträts seiner Frau als «Schlafende» und «Dame mit Windhund» schätzt, kann mit seinen Variationen des Hl. Sebastian wohl wenig anfangen. Und wen die flirrenden Farben des «Biergartens» begeistern, den dürften Leidensgestalten wie «Jeremias» und «Absalom II» befremden. Doch seine «Alpenlandschaft in Südtirol» mit kubofuturistischen Farbgewittern ist fraglos ein Meisterwerk. Weisgerber spielte virtuos mit den Stilen – diese Werkschau ist eine echte Wiederentdeckung.     


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