Neu-Ulm

Momente des Selbst: Porträtfotografie und soziale Identität

Rotimi Fani-Kayode: Every Moment Counts, 1989, Digital C-Print, © Rotimi Fani-Kayode. Foto: Courtesy Autograph ABP
Ein Tempel der Künste in schwäbischer Dorf-Idylle: Der Sammler Artur Walther hat in Burlafingen bei Ulm sein Privat-Museum eröffnet. Zum Auftakt zeigt er einen faszinierenden Überblick über Fotografie aus Afrika.

So sieht also eine moderne Maecenas-Villa aus: ein strahlend weißer Kubus mit großen Fensterfronten. Er hebt sich markant von den umliegenden Einfamilien-Häusern ab, doch passt er sich dezent in die Straßenzüge am Dorfrand ein.

 

Info

Momente des Selbst: Porträtfotografie und soziale Identität

 

17.06.2010 - 01.05.2011
donnerstags bis sonntags 11 - 17 Uhr nur nach Voranmeldung: 0731 - 17 69 143 oder info@walthercollection.com; The Walther Collection, Reichenauerstraße 21, Neu-Ulm/Burlafingen

 

Katalog in Englisch 65 €

 

Weitere Informationen

Daneben ein nachtschwarzer Bungalow mit flachem Satteldach; zur Straße hin abweisend, da ohne Fenster. Die Rückseite ist indes einladend voll verglast. Dahinter das Elternhaus des Sammlers: freundlich-unscheinbar von Efeu umrankt. Schließlich ein Dienst-Gebäude für Büro, Bibliothek und Gästewohnung.

 

Millionen an der Wall Street verdient

 

Auf diesem Anwesen hat Artur Walther im vergangenen Juni sein eigenes Museum eröffnet. Seit 1994 geht er als Privatier seinen musischen Interessen nach; das erlauben ihm Millionen, die er zuvor an der Wall Street verdient hat. Doch seine Sammlung zeigt er nicht an seinem Hauptwohnsitz New York, sondern an seinem Geburtsort Burlafingen. Er gehört zu Neu-Ulm.


Impressionen der Ausstellung


 

Okwui Enwezor kuratiert Auftakt-Ausstellung

 

Der Kontrast zwischen der schwäbischen Idylle ringsum und seiner Kollektion könnte größer kaum sein. Walther hat einen enormen Bestand an zeitgenössischer Fotografie aus China und Afrika zusammengetragen. Damit ist die Auftakt-Schau bestückt: 243 Arbeiten von 32 Künstlern, kuratiert von Okwui Enwezor – Leiter der documenta 11 und weltweit gefragter Ausstellungsmacher aus Nigeria.

 

Der Parcours folgt der Chronologie wie der Biographie des Sammlers: Erste Station ist sein Elternhaus. Auf zwei Etagen wird August Sanders berühmte Serie «Antlitz der Zeit» von 1929 den Studio-Porträts gegenüber gestellt, die Seydou Keita in den 1950er in Malis Hauptstadt Bamako anfertigte.

 

Ein Röhren-Radio als Status-Symbol

 

Die Analogien reichen weit: die starren Posen der Abgelichteten und ihr Bemühen, einen würdevollen Eindruck zu machen. Aber die Accessoires, die als Status-Symbole gelten, unterscheiden sich sehr. Malier halten gern eine Blume in der Hand oder stützen sich lässig auf ein Röhren-Radio – dass es immer dasselbe bleibt und folglich nicht ihr eigenes ist, spielt offenbar keine Rolle.

 

Im schwarzen Bungalow wird eine Geschichte afrikanischer Fotografie im Zeitraffer geboten. Sie beginnt mit Blättern aus der Studie «The Bantu Tribes of Africa» von Alfred Duggan-Cronins um 1900: klassische ethnologische Aufnahmen von Schwarzen in der Wildnis. Daneben wirft ein Diaprojektor «The Black Foto Album/ Look at me: 1890 – 1950» an die Wand: Die Protagonisten dieser Bilder posieren so steif, als stünden sie in einem viktorianischen Salon, nicht in Südafrika.

 

Frisuren als kunstvolle Konstruktionen

 

Der Künstler Santu Mofokeng stellt die entscheidende Frage: Waren diese Personen «mental kolonisiert» oder wollten sie das europäische Klischee vom «unzivilisierten Neger» widerlegen? Absetzung und Abgrenzung von den Vorgaben und Erwartungen der ehemaligen Kolonialherren prägen die kulturellen Identitäten in Schwarzafrika bis heute.

 

Dazu liefert der nigerianische Fotograf J.D.`Okhai Ojeikere einen ungemein ästhetischen Beitrag. Seit den 1960er Jahren fotografiert er kunstvolle Frisuren, die seine Landsfrauen auf ihren Köpfen auftürmen. Die gewagten Konstruktionen sind teils nach den Brücken benannt, die Lagos mit dem Festland verbinden – aus Stolz auf nationale Errungenschaften.

 


Diesen Artikel drucken