Bonn

Napoleon und Europa – Traum und Trauma

Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867): Napoleon I. im Krönungsornat (Detail); Foto: © Musée de l'Armée, Paris

General und Gesetzgeber, Massenmörder und Modernisierer: Der kleine Korse hat als französischer Kaiser Europa für immer verändert. Das zeigt eine eindrucksvolle Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle.

Er wurde in eine Demokratie hineingeboren und krönte sich mit 35 Jahren zum Kaiser. Er berief sich auf die Aufklärung und ließ sich als Erlöser verehren. Er wollte Europa zu einem Reich vereinen und löste das Zeitalter des Nationalismus aus. Er modernisierte den Kontinent wie niemand zuvor und watete zugleich durch Meere von Blut. Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) war ein einziges Paradox.

 

Info

Napoleon und Europa – Traum und Trauma

 

17.12.2010 – 25.04.2011
täglich außer montags 10 – 19 Uhr, dienstags und mittwochs bis 21 Uhr in der Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn

 

Katalog 39,95 €

 

Weitere Informationen

Jedes Kind kennt seinen Namen, doch keiner weiß, wie er wirklich war. Der von ihm entfesselte Sturm wirbelte soviel Staub auf, dass seine Gestalt davon bis heute vernebelt wird. «Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen groben Schlächter schmähen heißt nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter öffentliche Ruhestörung», bemerkte Christian Morgenstern.

 

Alleinherrscher mit 30 Jahren

 

Der Dichter ist zwar kein Historiker. Doch zu Napoleon hat jeder eine entschiedene Meinung. Als «Weltgeist zu Pferde» pries ihn der Philosoph Hegel. Dagegen ließ ihn der Lexikograf Pierre Larousse – quasi der französische Duden – in seinem Wörterbuch schon am 9. November 1799 sterben. An diesem Tag, dem 18. Brumaire im Revolutions-Kalender, putschte Napoleon und wurde Frankreichs Alleinherrscher. Da war er gerade 30 Jahre alt.


Impressionen der Ausstellung


 

Karriere-Ende mit 46 Jahren

 

16 Jahre später war seine kometenhafte Karriere schon wieder beendet. Doch sein Ruhm blieb so strahlend, dass sein Neffe Charles Louis Napoleon 1852 ebenfalls zum Kaiser der Franzosen aufstieg – dank seines klangvollen Familiennamens. Noch 1969 beging Frankreich Napoleons 200. Geburtstag mit einer Orgie von Jubelfeiern. Danach war Schluss mit der Napoleomanie: Die Schau in Bonn ist die erste große Würdigung seit 40 Jahren.

 

Sie widersteht der Versuchung, Napoleons Vita als Helden- oder Schurken-Geschichte zu erzählen. Dem Besucher wird auch die endlose Kette seiner Kriege und Schlachten erspart; die handelt eine dreiminütige Video-Animation ab. Stattdessen spürt die Ausstellung den Folgen nach, die seine Herrschaft für den Kontinent hatte – getreu dem Motto «Traum und Trauma».

 

Als 24-Jähriger jüngster General

 

Den Traum hat Napoleon in zahlreichen Selbststilisierungen formuliert: ein einiges, effizient regiertes Europa. Als er auf Korsika zur Welt kam, hatte die Insel ihre Genueser Besatzer vertrieben und eine demokratische Verfassung. Ein Jahr später verkaufte Genua das Eiland an Frankreich, dessen Truppen die Einheimischen unterwarfen. Doch auf Korsikas freiheitliches Erbe berief sich Napoleon gern während seines blitzartigen Aufstiegs.

 

Als 24-Jähriger wurde er 1793 jüngster General der republikanischen Armee, die schon gegen halb Europa Krieg führte. Der Emporkömmling katapultierte sich mit zwei siegreichen Feldzügen in Italien und Ägypten an die Staatsspitze. Dieser Erfolg imponierte seinen Zeitgenossen ungeheuer: Sie erhofften sich von ihm ein rationales Regime, das die alten Zöpfe der Monarchie abschnitt.

 

Erfinder der modernen politischen Propaganda

 

Geschickt nährte Napoleon den Mythos vom vernunftgeleiteten Reformer. Er inszenierte um sich einen Personenkult – zunächst als Volksführer, dann ab seiner Kaiserkrönung 1804 als legitimer Nachfolger von Karl dem Großen und Augustus. Der Empire-Stil knüpfte bewusst an die Antike an. Eine bis dahin unbekannte Reproduktion von Napoleons Konterfei im großen Stil setzte ein; er erfand die moderne politische Propaganda.

 


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