Hamburg

Gerhard Richter: Bilder einer Epoche

Gerhard Richter: Ema-Akt auf einer Treppe, 1966; Sammlung Ludwig, Köln. Foto: © Gerhard Richter, Köln 2011

Deutlicher sehen durch Verwischung: Die frühen Bilder des bekanntesten lebenden deutschen Malers im Bucerius Kunstforum zeigen die 1960er Jahre in ihrer oft abgründigen Trivialität.

Diese Ausstellung passt zum Winterwetter: Grau in Grau, Farbtupfer sind selten. Beim näheren Hinsehen bemerkt man ein subtiles Spiel von Grautönen in allen Schattierungen. Und ein befremdliches Potpourri von Motiven, deren Bedeutung zunächst unklar bleibt. Kein Zweifel: Gerhard Richters Mal-Kosmos ist einzigartig.

 

Info

Gerhard Richter:
Bilder einer Epoche

 

05.02.2011 – 15.05.2011
täglich 11 – 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr im Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, Hamburg

 

Katalog 24,80 €,
im Handel 34,80 €

 

Weitere Informationen

In der DDR ausgebildet und 1961 in die Bundesrepublik übergesiedelt, suchte Richter jahrelang nach ihm gemäßen Formen. Sein Vorhaben schien unmöglich: Er wollte malen – zu einer Zeit, die sich vom Tafelbild vollmundig lossagte. Aktionskunst, Happenings und Environments eroberten erst die Galerien, dann die Museen; Richter wirkte hoffnungslos anachronistisch.

 

Konturen mit breitem Pinsel verwischt

 

Dann entdeckte er Readymades und Fluxus für sich. Deren Prinzipien – das Vorgefundene, Triviale, Flüchtige – übertrug er auf die Malerei. Er begann, Fotos abzumalen: Bilder, die er in Zeitschriften fand. Die isolierte er aus ihrem Kontext und übertrug sie vergrößert auf die Leinwand. 

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Gerhard-Richter-Retrospektive „Panorama“ in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier eine Kritik des Dokumentarfilms „Gerhard Richter Painting“ von Corinna Belz

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Unscharf. Nach Gerhard Richter“ in der Hamburger Kunsthalle.

Anfangs erprobte er diverse Verfahren: Übermalungen, Tüpfeltechnik, Auslassungen und Bildunterschriften. Dann begann er, die Konturen der Bilder unscharf zu zeichnen und sie mit einem breiten Pinsel zusätzlich zu verwischen. Damit bekamen sie eine erratische Qualität: Was banale Illustration eines Presse-Artikels gewesen war, wurde zum Signum der Epoche.

 

Foto-Vorlagen entschlüsseln Bedeutungen

 

50 dieser Bilder aus den Jahren 1962 bis 1967 sind im Bucerius Kunstforum ausgestellt; dazu der Zyklus «18. Oktober 1977» über die RAF-Terroristen, den das MoMA in New York auslieh. Die Motive wirken belanglos: Anzeigen, Autos, Figuren und Flugzeuge. Doch die Geschichten dahinter sind oft abgründig: Morde, Affären und der Terror des Alltäglichen.

 

Klugerweise führt das Kunstforum bei allen Bildern an, woher ihre Foto-Vorlagen stammten. So wird nicht nur ihre Bedeutung entschlüsselt; gemeinsam ergeben sie auch ein Panorama der frühen 1960er Jahre. Ein gelungener Auftakt zum Jubiläumsjahr von Gerhard Richter, dessen 80. Geburtstag eine große Retrospektive in London, Paris und Berlin feiern wird.


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