Berlin

Hans Baldung, gen. Grien: Meister der Dürerzeit

Hans Baldung, gen. Grien: Sechs Wildpferde, Holzschnitt, 1534, Staatliche Museen Berlin. Foto: ohe
Pinkelnde Weiber und Bogenschießen auf Leichname: In seiner Grafik schreckte Dürers Schüler vor nichts zurück. Der Meister des Drastischen zeichnete Abseitiges in moralischer Absicht, wie die Gemäldegalerie zeigt.

Seinen Spitznamen bekam er von Albrecht Dürer. In dessen Werkstatt fing der 18-jährige Hans Baldung 1503 als Malergeselle an. Allerdings hörten seine beiden Kollegen ebenfalls auf den Namen Hans. Um sie zu unterscheiden, rief Dürer den jungen Baldung mit dem Wort «Grien» - nach seiner Lieblingsfarbe Grün.

 

Info

Hans Baldung, gen. Grien: Meister der Dürerzeit

 

15.02.2011 - 15.05.2011
täglich außer montags 10 - 18 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr in der Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Weitere Informationen

Baldung war stolz darauf: Als er 1509 die Werkstatt in Nürnberg verließ und nach Straßburg ging, nahm er den Buchstaben «G» in sein Monogramm auf. Er galt als Meisterschüler Dürers; nach dessen Tod 1528 erhielt er von dessen Frau Agnes eine Locke – das adelte ihn zum ideellen Nachfolger. Bei der Darstellung von Gesichtern und Gewändern blieb Baldung zeitlebens seinem Lehrer verpflichtet.

 

Schamkapsel mitten im Bild

 

Mit der Wahl seiner Sujets sprengte Baldung jedoch den Rahmen des Gewohnten. Sie wären auch im permissiven Kunst-Betrieb von heute starker Tobak: Da uriniert ein nacktes Weib schamlos vor den Augen des Betrachters. Da liegt ein Stallknecht in perspektivischer Verkürzung so ausgestreckt, dass seine Schamkapsel mitten im Bild prangt. Auf beiden Blättern geht es um Hexerei – da konnte sich Baldung manche Freiheiten erlauben.


Impressionen der Ausstellung


 

Hengst mit Samen-Erguss

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Drunter und Drüber – Altdorfer, Cranach und Dürer auf der Spur" über Untersuchungen mit Infrarot-Reflektographie in der Alten Pinakothek, München

 

und hier einen Beitrag zur Ausstellung “Die Graue Passion in ihrer Zeit” über Hans Holbein d.Ä. in der Staatsgalerie Stuttgart.

Ebenso bei moralisierenden Blättern: Da ist ein Hengst, der vergebens eine Stute bespringt, im Augenblick des Samen-Ergusses zu sehen. Auch wenn das als Mahnung gedacht war, eigene Triebe zu zügeln – diese Drastik verblüfft noch heute.

 

Wie das Dekor für eine Gerichtsstube: Schützen zielen mit Pfeilen auf einen halb verwesten Leichnam. Zwar stammt diese Szene aus einer erbaulichen Fabel: Der leibliche Sohn weigert sich, auf den toten Vater zu schießen. Doch das makabre Motiv dürfte auch Plastinator Gunter von Hagen gefallen.

 

Die Gemäldegalerie präsentiert 20 selten gezeigte Zeichnungen und Holzschnitte in einer kleinen, feinen Kabinett-Ausstellung: Dank ausführlicher Kommentare erhellen sie anschaulich Entstehung und Bedeutung der neun Tafelbilder von Baldung, die das Museum besitzt. So wird sein malerisches Genie markant deutlich – in Anlehnung und Absetzung von anderen Alten Meistern.


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