Chemnitz + Hamburg

Helmut Kolle: Ein Deutscher in Paris

Helmut Kolle: Feuerwehrmann, 1928-30; Foto: Museum Gunzenhauser

Er hätte ein deutscher Picasso werden können. Der lobte die «unerhörte Virilität» seiner Bilder. Doch Kolle starb mit 32 Jahren. Nun wird in Chemnitz und Hamburg die größte Werkschau seit dem Krieg gezeigt: eine echte Entdeckung.

«Ein Deutscher in Paris» zieht als Ausstellungs-Motto heute nicht mehr: Welcher Deutsche war noch nicht in Paris? Aber nach dem Ersten Weltkrieg war es kühn, in die Hauptstadt des Erbfeindes überzusiedeln. Dort auch noch Erfolg als Künstler zu haben, schien aussichtslos. Kolle gelang es.

 

Info

Helmut Kolle:
Ein Deutscher in Paris

 

07.11.2010 – 01.05.2011
täglich außer montags 11 bis 18 Uhr im Museum Gunzenhauser, Falkeplatz, Chemnitz

 

Katalog 32 €,
im Handel 48 €

 

Weitere Informationen

 

29.05.2011 – 25.09.2011
täglich außer montags 11 – 18 Uhr im Ernst Barlach Haus, Jenischpark, Baron-Voght-Straße 50a, Hamburg

 

Weitere Informationen

Das verdankte er seinem Freund und Förderer Wilhelm Uhde. Der Kunsthistoriker und Schriftsteller ist einem größeren Publikum dadurch bekannt, dass er die naive Malerin Séraphine Louis entdeckte. Deren Lebensgeschichte wurde 2009 verfilmt.

 

Männer-Beziehung auf Burg Lauenstein

 

Uhde lernte Kolle 1918 in Wiesbaden kennen. Der 19-jährige Spross aus gutem Haus – sein Vater war Arzt – dilettierte leidenschaftlich mit dem Zeichenstift. Uhde vermittelte ihm Kunst-Unterricht und nahm ihn mit auf Burg Lauenstein. Dort illustrierte Kolle Uhdes Zeitschrift «Die Freude».

 

1924 zieht das Paar nach Paris um. Kolle studiert Alte Meister im Louvre und die Avantgarde in Galerien. Seine Malweise wird pastos, seine Palette beherrschen gedeckte, erdige Töne. Nun hat er seinen Stil gefunden: In rascher Folge entstehen ausdrucksstarke Bildnisse in einer reduzierten, an die Fauves und Kubisten angelehnten Formensprache – oft mit geritzten Konturen.

 

Melancholische Matrosen + Stierkämpfer

 

Vor allem von Matrosen und Stierkämpfern ist Kolle angetan. Doch er porträtiert sie nicht als Kraftkerle, sondern als fragile Wesen mit melancholisch verhangenem Blick. Wie ihr Schöpfer: Zeitlebens macht ihm eine schwere Aorta-Erkrankung zu schaffen, der er 1931 erliegt.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension des Kinofilms „Séraphine“ von Martin Provost über das Leben der Malerin Séraphine Louis.

Noch die Gedächtnis-Schau 1932 in Paris war ein großer Erfolg. Dann beschlagnahmten die Nazis Werke von Kolle in deutschen Museen als «entartet». Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es nur 1952 und 1994 größere Ausstellungen.

 

Brillant verknappte Mittel

 

Insofern ist diese Retrospektive der Kunstsammlungen Chemnitz mit 90 Exponaten aus dem In- und Ausland, die danach im Ernst Barlach Haus in Hamburg zu sehen ist, höchst verdienstvoll. Ein Maler ist wieder zu entdecken, der seine bewusst verknappten Mittel brillant beherrschte – ähnlich wie Picasso in seiner klassizistischen Phase.


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