Stuttgart

John Constable – Maler der Natur

John Constable: Jahrmarkt in East Bergholt, 1811; Foto: © Victoria and Albert Museum London

Die Entdeckung von Mutter Natur: John Constable hat mit Ansichten unscheinbarer Landschaften die Kunst im 19. Jahrhundert revolutioniert. Die Staatsgalerie Stuttgart stellt sein Werk in Deutschland erstmals ausführlich vor.

Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! Ein Leben lang hat John Constable (1776 – 1837) nur seine nächste Umgebung gemalt: die ostenglische Grafschaft Suffolk, wo er aufwuchs; Salisbury, wo er Freunde besuchte, und das Seebad Brighton, wohin er umzog, weil seine Frau an Schwindsucht litt. Doch aus diesem engen Wirkungskreis schuf er eine neue Welt.

 

Info

John Constable –
Maler der Natur

 

12.03.2011 – 03.07.2011
täglich außer montags 10 – 18 Uhr, dienstags und donnerstags bis 20 Uhr in der Staatsgalerie, Konrad-Adenauer-Straße 30 – 32, Stuttgart

 

Katalog 29,80 €

 

Weitere Informationen


Bis dato war Natur in der Malerei entweder Kulisse für Porträts, Allegorien oder Historienbilder gewesen. Oder Staffage: mit symbolischer Bedeutung aufgeladen, geglättet und aufgehübscht, um edle Gedanken zu wecken und hehre Gefühle zu erregen.

 

Unscheinbares als Hauptmotiv

 

Das galt auch für die grandiosen Tableaus eines Claude Lorrain oder die Panoramen von Caspar David Friedrich. Selbst die niederländische Landschaftsmalerei, etwa von Ruisdael, gab sich nur den Anschein des Alltäglichen. Sie wurde gemäß der dekorativen Ansprüche ihrer bürgerlichen Käufer komponiert.

 

Constable änderte das; bei ihm kommt die Natur endlich zu ihrem eigenen Recht. Er erhebt das Unscheinbare und Gewöhnliche zum Hauptmotiv: einen Feldweg, Bach oder eine Lichtung. Zugleich kitzelte er heraus, was darin steckt. Indem er Licht- und Wetterphänomene genau beobachtet und auf die Leinwand überträgt: Sonnenstrahlen auf einem Rasenstück, das Spiel des Windes in Baumkronen oder der Wellen auf einem Wasserlauf.


Impressionen der Ausstellung


Er zeigt die ländliche Lebenswelt – ohne das Pathos der Romantiker, aber mit unendlicher Liebe zum Detail. Mitsamt den Menschen, ihren Häusern, Nutztieren, Kutschen und Booten. Sie alle erscheinen als Farbtupfer, die mit dem großen Ganzen harmonieren, darin fast verschwinden.

 

Gesamtwerk in Großbritannien

 

Das unterscheidet Constable von seinem Zeitgenossen William Turner, der ebenfalls die Konventionen bisheriger Landschaftsmalerei hinter sich ließ. Während Turner die sichtbare Welt in Lichtbündel auflöste, um eine kosmische Ordnung erahnen zu lassen, ging Constable den entgegengesetzten Weg. Er widmete sich dem Kleinsten, das er naturgetreu einfing. Turner wurde zum wichtigsten Vorläufer der Impressionisten, Constable zum ersten Realisten.

 

In Deutschland wurde er lange kaum beachtet. Der Grund ist einfach: Nahezu alle seine Werke befinden sich in britischen Museen. Wie die 56 Ölgemälde sowie 29 Zeichnungen und Aquarelle, die nun in Stuttgart zu sehen sind. Sie kommen meist aus dem Victoria & Albert Museum in London, dem Constables Tochter Isabel seinen Nachlass vermachte. Nur «Das Haus des Admirals» von 1821 hat die Berliner Nationalgalerie ausgeliehen.

 

Pferd-Skizze vibriert vor Spannung

 

Insofern hat Constables erste Einzelausstellung in Deutschland epochale Bedeutung. Erstmals wird einer der wichtigsten Maler des bürgerlichen Zeitalters angemessen gewürdigt. Zumal die Staatsgalerie vor allem Ölskizzen präsentiert: Constable fertigte sie in situ an und baute sie später im Atelier zu Tafelbildern aus. Im Vergleich mit den Gemälden sind die Skizzen nicht nur frischer und lebendiger, sondern erlauben auch einen tieferen Einblick in seine Arbeitsweise.

 

Das zeigt die Gegenüberstellung der großformatigen Ölskizze und der späteren Ausstellungs-Variante von «Das springende Pferd», einem seiner Hauptwerke. Die Skizze mit körniger Textur in kühlen Farben vibriert geradezu vor Spannung. Dagegen sind Komposition und Farbpalette der Endfassung ausgewogener. Das macht sie gefälliger, aber auch lebloser.

 

Meer auf extremen Querformaten

 

Solange er nach der Natur malte, scherte sich Constable nicht nach akademischen Regeln. Seine Wolken sind weder Wattebäusche noch Streifengardinen, sondern die flüchtigen, zerfetzten Gebilde, die am Himmel jeder sieht. Grandios hielt er das in extrem breiten Querformaten auf seinen Meeresansichten aus Brighton fest. Mit den repräsentativen Marine-Stücken seiner Kollegen, über die er sich mokierte, haben diese aus Dunst, Gischt und Sand geborenen Bilder nichts gemein.

 

Dabei erhob Constable den unmittelbaren Natureindruck nicht zum Fetisch. Im Gegenteil: Die Schau zeigt auf, wie er sich im Laufe der Jahre ein Repertoire von Detailansichten zulegte, die er als Versatzstücke zu großen Gemälden zusammenstellte. Darin blieb er den Traditionen seiner Zeit verpflichtet.

 

Vorbild für das 19. Jahrhundert

 

Doch seine radikale Hinwendung zur Natur wies weit darüber hinaus. Corot und die Schule von Barbizon, Courbet und die Realisten, der Impressionismus in Frankreich und Deutschland – also die halbe Malerei des 19. Jahrhunderts wäre ohne sein Vorbild nicht denkbar. Das anschaulich vorzuführen, ist eine Großtat der Staatsgalerie.


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