Leipzig

Leipzig. Fotografie seit 1839

Volkmar Jaeger: Kinderwagen-Parade (Detail), 1957, Silbergelatine, Privatbesitz. Foto: Leipzig-Fotografie.com

Fotografie- als Stadt- als Welt-Geschichte: Drei Museen präsentieren ihre Bilderschätze. «Leipzig. Fotografie seit 1839» ist ein faszinierendes Panorama von zwei Jahrhunderten, das am Ende etwas ausfranst.

Früher war alles billiger: Der Eintritt zur ersten Fotografie-Ausstellung in Leipzig 1839 kostete nur vier Groschen. Dabei war eine Sensation zu sehen. Kaum zwei Monate, nachdem in Paris die ersten Daguerreotypien präsentiert worden waren, wartete auch der örtliche Kunstverein damit auf.

 

Info

Leipzig. Fotografie seit 1839

 

27.02.2011 – 15.05.2011

 

Fotografie von 1839 bis 1918:

im Grassi Museum für Angewandte Kunst, Johannisplatz 5 – 11

 

Fotografie von 1918 bis 1961:

im Stadtgeschichtlichen Museum, Böttchergässchen 3

 

Fotografie von 1961 bis heute:

im Museum der bildenden Künste, Katharinenstraße 10

 

täglich außer montags 10 – 18 Uhr, MdbK mittwochs bis 20 Uhr

 

Katalog 39 €

 

Website zur Ausstellung

Sein «Directorium» verkündete stolz und mahnend zugleich: «Wir freuen uns, der langen und gespannten Erwartung, mit welcher man der Ankunft dieser merkwürdigen Productionen entgegen gesehen hat, zuerst entsprechen zu können, und dürfen uns des lebhaftesten Interesses daran wohl versichert halten; erlauben uns aber zugleich, die bekanntlich sehr zarten und leicht verletzlichen Bilder der besondern Sorgfalt der Beschauer zu empfehlen.»

 

Zwölf Euro für 190 Fotografen

 

Dem ist 172 Jahre später nichts hinzuzufügen. Bloß der Eintritt ist höher; zwölf Euro ohne Ermäßigung. Allerdings wird dafür auch mehr geboten: Hunderte von Aufnahmen von 190 Fotografen, verteilt auf drei Museen, begleitet von drei weiteren Foto-Ausstellungen im Stadtgebiet und einem üppigen Rahmenprogramm. Leipzig kürt sich zur Foto-Metropole.

 

Die Grundidee ist bestechend: die Geschichte einer Stadt anhand der Fotografie-Geschichte darzustellen und umgekehrt. Dafür eignet sich Leipzig wie kaum ein anderer Ort. Die erste datierte Daguerreotypie in den lokalen Archiven stammt von 1841; sie zeigt einen sitzenden Mann vor einem Wandbehang. Der Fotograf ist unbekannt; vermutlich ein reisender Daguerreotypist. Bald darauf entstehen in Leipzig die ersten dauerhaften Studios.


Impressionen der Ausstellung: Teil 1 bis 1929


 

Erste Berufsfotografin der Welt

 

Zu diesen Pionieren zählt Bertha Wehnert-Beckmann, die erste Berufsfotografin der Welt. 1845 gründet sie mit ihrem Mann ein Atelier. Als er 1847 stirbt, betreibt sie es noch 36 Jahre in Eigenregie weiter und eröffnet sogar eine Filiale in New York. Sie hat zahlreiche Kollegen: Viele Bürger der wohlhabenden Messestadt lassen Porträt-Fotos von sich anfertigen. Daguerreotypien sind teuer: Jede der mit Silber beschichteten Platten ist ein Unikat.

 

Als sich Ende der 1850er Jahre Foto-Verfahren mit Papier-Abzügen durchsetzen und zugleich günstigere Mehrfach-Aufnahmen möglich erden, explodiert der Markt. Zur Messe anreisende Kaufleute geben Abbildungen ihres Warensortiments u.dgl. in Auftrag: Leipzig wird zum Foto-Mekka. Das spiegelt die erste Teil-Ausstellung im Grassi-Museum: Während aus den Anfangsjahren nur wenige Bilder in teils kläglichem Zustand vorhanden sind, ist der Bildbestand aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts üppig – in bester Qualität.

 

Visuelle Chronik der Stadt-Entwicklung

 

So entsteht eine visuelle Chronik der Stadt-Entwicklung, die kaum Wünsche übrig lässt. Von verwinkelten Altstadtgassen mit windschiefen Fachwerk-Häusern über den Alltag der Handwerker und kleinen Leute bis zu den Großprojekten des Kaiserreichs ist alles dokumentiert. Etwa der Bau des Neuen Rathauses bis 1905: Für diese lächerlich pompöse Schutz- und Trutzfestung wurde 1899 die mittelalterliche Pleißenburg abgerissen.

 

Zugleich erzählt die Porträtfotografie vom Zeitgeist. Vom Geniekult um Franz Liszt oder Max Klinger ebenso wie von lebensreformerischen Ideen des Fin de Siècle, die in homoerotischen Akt-Aufnahmen beider Geschlechter ihren Ausdruck finden. So im Werk von Frank Eugene Smith, der ab 1913 in Leipzig den ersten Lehrstuhl für Fotografie an einer Kunsthochschule innehat. All das geht im Kanonendonner des Ersten Weltkriegs unter: Bilder von Doppeldeck-Bombern beschließen diese Schau.

 

6000 Dokumente des Stadtbildes

 

Der zweite Abschnitt im Stadtgeschichtlichen Museum behandelt die Zeit zwischen Weimarer Republik und dem Mauerbau. Die Impulse, die vom Bauhaus und dem «Neuen Sehen» ausgehen, finden auch in Leipzig Anklang. Etwa im «Atelier Hermann Walter»: Schon der Gründer hatte im Auftrag der Kommune die Veränderungen im Stadtbild dokumentiert. Bei seinem Tod 1909 hinterlässt er fast 6000 Aufnahmen. Sein Werk führen Sohn und Schwager fort; sie begleiten den Bau moderner Messebauten und der Großmarkthalle mit der Kamera.

 


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