Tübingen

Paul Bonatz 1877 – 1956: Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus

Paul Bonatz: Hauptbahnhof in Stuttgart, 1911-27; Foto: © DAM

Das Pathos der hohen Schalterhalle: Paul Bonatz zitierte am Stuttgarter Hauptbahnhof Babylon, Byzanz und Kairo. Er baute auch Brücken, Staustufen – und die Oper von Ankara. Nun ist ihm eine vorbildliche Werkschau gewidmet.

Ohne ihn kein S21: Paul Bonatz hat das am meisten umstrittene Bahnhofsgebäude des Landes entworfen. Dessen Errichtung, die sich von 1914 bis 1928 hinzog, wurde zu seinem Hauptwerk: Als «Kathedrale des Verkehrs» prägt der «Nabel Schwabens», wie Bonatz ihn taufte, die Stuttgarter Innenstadt bis heute.

 

Info

Paul Bonatz 1877 – 1956:
Leben und Bauen zwischen
Neckar und Bosporus

 

26.03.2011 – 22.05.2011
täglich außer montags 11 – 18 Uhr, dienstags bis 19 Uhr in der Kunsthalle, Philosophenweg 76, Tübingen

 

Katalog im Handel 49,80 €

 

Weitere Informationen

Er wurde schon bei seiner Fertigstellung zwiespältig aufgenommen: Die einen priesen seine schlichte Monumentalität, die anderen lehnten ihn als orientalisch anmutenden Koloss ab. Ihnen war nicht entgangen, dass er deutliche Anleihen bei nahöstlichen Kulturen aufwies.

 

Singuläres Werk des Städtebaus

 

Die arbeitet eine Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt/ Main sorgsam heraus, die Bonatz’ Lebenswerk gewidmet und nun in Tübingen zu sehen ist. Sie wurde längst vorbereitet, als der Streit um Stuttgart 21 eskalierte, kommt aber genau zur rechten Zeit. Historische Hintergrund-Informationen lassen erkennen, welch singuläres Werk des Städtebaus auf dem Spiel steht.


Impressionen der Ausstellung in Frankfurt am Main


 

Lisenen aus Babylon, Iwane aus Kairo

 

Kurz nachdem Bonatz 1911 den Wettbewerb gewonnen hatte, veröffentlichte Robert Koldewey die Ergebnisse der Grabungen in Babylon. Seine antiken Großbauten wurden von so genannten Lisenen gegliedert. Bonatz übernahm diese Wandvertiefungen an der Fassade für den Schlossgarten-Flügel des Bahnhofs.

 

1913 bereiste er Ägypten. Die mächtige Sultan-Hassan-Moschee in Kairo beeindruckte ihn tief: Er hielt auf Skizzen ihre Iwane fest – dreiseitig ummauerte Vorhallen mit riesigem Bogen. Nach diesem Vorbild gestaltete er die Kleine Schalterhalle des Bahnhofs um; auch die übrigen Eingänge erhielten hohe Bögen.

 

Mauer-Technik aus Konstantinopel

 

Die Wände ließ er aus Kalksteinen und Ziegeln im Wechsel hochziehen. Diese Technik stammt aus Byzanz, wie bis heute etwa an der Konstantinischen Stadtmauer zu sehen ist. Über die Gründe, warum sich Bonatz so ausgiebig bei vorderasiatischen Traditionen bediente, kann man nur spekulieren.

 

Möglicherweise sah er darin sein Ideal von Repräsentation in kubischen Formen verwirklicht. Oder er wollte sich für Großbauten im Orient empfehlen: Das Deutsche und das Osmanische Reich waren im Ersten Weltkrieg Verbündete. Berlin finanzierte den Bau der Bagdad-Bahn.

 


Diesen Artikel drucken