Hamburg

Unscharf. Nach Gerhard Richter

Gerhard Richter (*1932): S. mit Kind, 1995. Foto: Hamburger Kunsthalle

Die ideale Ausstellung für Kurzsichtige: Die Kunsthalle zeigt, wie im Gefolge von Richter das Unschärfe-Prinzip die Gegenwartskunst erobert hat. Ein kleiner Geniestreich.

Das Suchen nach der vergessenen Brille ist hier überflüssig: Diese Bilder würden auch unter der Lupe nicht schärfer. Die Technik der Verwischung hat Gerhard Richter in die Malerei eingeführt. Als Hommage zeigt die Kunsthalle 130 Werke von ihm und 20 weiteren Künstlern, die sein Prinzip der Unschärfe übernommen haben.

 

Info

Unscharf –
Nach Gerhard Richter

 

11.02.2011 – 22.05.2011
täglich außer montags 10 – 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr in der Kunsthalle, Glockengießerwall, Hamburg

 

Katalog 29 €,
im Buchhandel 35 €

 

Weitere Informationen

Das Phänomen ist nicht neu. Schon Leonardo begeisterte die Nachwelt mit seinem Sfumato, das Körper scheinbar konturlos aus dem Hintergrund hervortreten lässt. Später bedienten sich Künstler ähnlicher Malweisen. Doch im 19. Jahrhundert setzte die Fotografie neue Standards der Detailschärfe.

 

Zwischen Foto und Abstraktion

 

Dem verweigerten sich die Impressionisten mit aufgelösten Konturen, die den subjektiven Sinneseindruck betonten. Das fegten die Reproduktionen in den Massenmedien hinweg. Angesichts dieser Bilderflut entschied sich Richter für das unscharfe Abmalen scharfer Vorlagen: Es changiert zwischen dem Realismus eines Fotos und dem Farbenspiel abstrakter Malerei.


Impressionen der Ausstellung


 

Bewegungs-Wolken und Trug-Bilder

 

Solche Bilder veranschaulichen Grenzbereiche visueller Wahrnehmung. Richters Serie «S. mit Kind» von 1995 stellt dar, wie ein Neugeborenes seine Mutter und sich selbst sieht. Die «Zwischenraum»-Gemälde von Wolfgang Kessler lösen die Umwelt wie bei hoher Geschwindigkeit in Streifen auf.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Gerhard-Richter-Retrospektive “Panorama” in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier ein Kritik des Dokumentarfilms „Gerhard Richter Painting“ von Corinna Belz

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Gerhard Richter: Bilder einer Epoche“ im Bucerius Kunst Forum, Hamburg

Fotografen erzielen ähnliche Effekte. Auf den Langzeit-Belichtungen von Michael Wesely werden Menschen zu diffusen Bewegungs-Wolken. Mit weiter Blende löst Ralf Peters Innenräume in bonbonbunte Partikel auf – «Candies» nennt er die Ergebnisse. Und Michael Engler verwandelt vorbeiziehende Schiffe in flimmernde Trugbilder wie «Fatamorganas».

 

Gegen den Terror des allzu Deutlichen

 

Was üblicherweise als defizitär gilt, rehabilitiert die Kunsthalle als wichtiges Verfahren in der zeitgenössischen Bildproduktion, dessen Bandbreite exemplarisch vorgeführt wird. Unschärfe ist keine Fehlleistung, sondern Widerstand gegen den optischen Terror des allzu Deutlichen. Ihre Vieldeutigkeit belässt dem Betrachter die Freiheit zur Interpretation und Fantasie: Diese Schau ist ein kleiner Geniestreich.


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