Berlin

Radical Jewish Culture

John Zorn bei einem Konzert seiner Gruppe "Masada". Foto: ohe

Die Kristallnacht als Suite in sechs Sätzen: Ab 1992 spielten New Yorker Avantgardisten radikal neue jüdische Musik. Das Jüdische Museum widmet der Bewegung nun eine klangvolle Ausstellung.

Scheinbar ein doppelt unmögliches Unterfangen: Anfang der 1990er Jahre wollte eine Schar New Yorker Avantgarde-Musiker nur mit Klängen eine «Radical Jewish Culture» begründen. 20 Jahre später versucht eine Ausstellung, das flüchtige Phänomen museal aufzubereiten – beides funktioniert prächtig.

 

Info

Radical Jewish Culture – Musikszene New York seit 1990

 

08.04.2011 – 24.07.2011
täglich 10 – 20 Uhr, montags bis 22 Uhr im Jüdischen Museum Berlin, Lindenstraße 9 – 14

 

Weitere Informationen

Alles begann 1992 mit dem Manifest von John Zorn und Marc Ribot für ein Festival in München. «What is Radical New Jewish Culture?», fragten die beiden Galionsfiguren der «Knitting Factory», einem Club für experimentelle Musik in der Lower East Side. Die meisten dort auftretenden Interpreten waren Juden, stellten Zorn und Ribot fest: Speiste sich ihr Hang zur Grenzüberschreitung und Improvisation, zur Fusion eigentlich unvereinbarer Stile wie Jazz, Punk und E-Musik aus spezifisch jüdischen Prägungen und Erfahrungen?

 

«Intifada» für ein Streichquartett

 

Beide forderten, Traditionen wie Klezmer hinter sich zu lassen und eine radikal zeitgenössische Musik zu entwickeln. Das gelang. Auf Zorns Label «Tzadik» sind bis heute mehr als 400 Aufnahmen erschienen – in unterschiedlichen Klangfarben, aber mit unverwechselbarem Sound. Viele mit politischem Anspruch: Zorn dirigierte in München die Uraufführung seiner Suite «Kristallnacht», Elliott Sharp komponierte 1996 «Intifada» für ein Streichquartett.


Impressionen der Ausstellung


 

Anmutung zwischen Tonstudio + Prunk-Sarg

 

Diesen einzigartigen Klang-Kosmos präsentiert das Jüdische Museum an einem Hohl-Körper aus Pressspan und Samt-Polsterung. Er zieht sich durch alle Räume; seine Anmutung oszilliert zwischen Tonstudio und Prunk-Sarg. Eine Fülle von Notenblättern, Plattenhüllen und Plakaten dokumentieren Entstehung und Verlauf der Bewegung. Wichtige Protagonisten wie Anthony Coleman oder Roy Nathanson kommen in Video-Interviews ausführlich zu Wort. Vor allem aber ist Musik drin – in zahlreichen Konzert-Mitschnitten an Hörstationen.

 

Die Knitting-Factory-Szene blieb immer klein, und ihr Publikum war es auch: ein paar Tausend Leute in westlichen Metropolen. Ihre Ausstrahlung ist aber kaum zu unterschätzen: In den 1990er Jahren war keine mit analogen Instrumenten eingespielte Musik innovativer. Was genau daran jüdisch ist, kann auch diese Ausstellung kaum klären. Doch das macht nichts, solange sie so gut klingt.


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