Augsburg

Ein Leben für die Architektur: Der Fotograf Julius Shulman

Julius Shulman (re.) und ein Assistent bei der Arbeit; Foto: Architekturmuseum Schwaben
Mit raffinierten Inszenierungen wurde der Amateur zum Chronisten des «International Style». Seine Sehnsuchts-Bilder einer verschwenderisch eleganten Moderne sind nun im Architekturmuseum Schwaben zu sehen.

Er konnte tagelang auf die richtigen Lichtverhältnisse warten. Dann machte er oft nur ein einziges Foto – auf dem alles genauso aussah, wie es ihm vorgeschwebt hatte. Julius Shulman war ein Perfektionist mit perfektem Gespür für Timing. Mit Digital-Kameras, die automatisch mehrere Bilder pro Sekunde schießen, hätte er sich wohl kaum angefreundet.

 

Info

Ein Leben für die Architektur: Der Fotograf Julius Shulman

 

14.04.2011 - 12.06.2011
täglich außer montags 14 - 18 Uhr im Architekturmuseum Schwaben, Buchegger-Haus, Thelottstr. 11, Augsburg

 

Weitere Informationen

Seine fotografische Leidenschaft galt Häusern. Deren Fassaden und Innenräumen gewann er stets überraschende Perspektiven ab. So wurde er zum Chronisten der modernen Architektur in ihrer kalifornischen Variante: dem «International Style» der Villen und Hochhäuser mit viel Glas, Licht und geräumigen Interieurs. Als er 2009 mit 98 Jahren starb, hinterließ er rund 100.000 Negative.

 

Auf der Baustelle engagiert

 

Dabei kam Shulman eher zufällig zur Architektur-Fotografie. Er knipste 1936 die Baustelle in den Hollywood Hills, auf der Richard Neutra eine Residenz für den Journalisten Josef Kun errichtete. Neutra sah diese Bilder, war begeistert und machte den Amateur zu seinem Haus-Fotografen. Andere namhafte Auftraggeber wie Frank Lloyd Wright, Richard Schindler und Pierre Koenig kamen hinzu: Bald prägte Shulman das öffentliche Bild vom neuen Baustil.


Impressionen der Ausstellung


 

Leben zwischen Swimming-Pool + Cocktail-Bar

 

Er lichtete nicht nur Dächer und Wände ab, sondern den ganzen «american way of life»: Seine komplexen Kompositionen aus Linien, Graustufen und Schatten bildeten die Kulisse für raffinierte Inszenierungen. Shulmans Aufnahmen betteten die Gebäude in ihre Umgebung ein oder suggerierten einen Lebenswandel ihrer Bewohner zwischen Swimming-Pool und Cocktail-Bar.

 

Besonders deutlich wird das an seinem bekanntesten Bild, einem der berühmtesten Architekturfotos überhaupt: Pierre Koenigs «Case Study House 22» von 1959/60. Leger drapierte Kissen auf Liegen und Sofas legen nahe, die Benutzer seien soeben aufgestanden. Am offenen Panorama-Fenster blickt ein Mann auf das Lichtermeer von Los Angeles unter ihm, als stände er auf einer Steilklippe: ein Sehnsuchtsbild vom Herrscher der Welt.

 

Schein + Sein in Jugendstil-Villa

 

Hintergrund

Lesen Sie hier die kultiversum-Rezension einer Ausstellung über Richard Neutra und Julius Shulman im MARTa, Herford.

Der Kontrast zwischen dieser Mondän-Moderne und dem Ausstellungs-Ort könnte nicht größer sein. Das Architekturmuseum Schwaben ist in einer Jugendstil-Villa angesiedelt. Mitten in einem Wohnviertel, das der einstige Hausherr und Baulöwe Sebastian Buchegger ab 1905 hochgezogen hat.

 

Auf heimeliger Holzverkleidung kommen Shulmans Architektur-Visionen paradoxerweise gut zur Geltung: Der Gegensatz zwischen Schein und Sein wird handgreiflich spürbar. Die kühnen Stahl-Glas-Konstruktionen kamen in Nachkriegsdeutschland nie an. Hier herrschte Wohnblock-Bebauung wie vor der Haustür vor. Damit versöhnt der üppige Skulpturen-Garten der Villa: Soviel Grün gibt es unter kalifornischer Sonne nirgends.


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