Bremen

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Hier machen die Ohren große Augen: Vittore Baroni: Ear Glasses, Arbeit von 1981. Foto: Bettina Brach
Wie man aus der Fläche in den Raum kommt: Die Weserburg zeigt 100 Papier-Skulpturen berühmter Künstler. Eine vor originellen Ideen strotzende Schau voller Überraschungen.

Bastelarbeiten gelten als Kinderkram. Und Papier wird in unserer Zivilisation gering geschätzt: Massenhaft produziert, bedruckt und weggeworfen, dient es allenfalls als Bildträger für Kunst, aber kaum als ihr Werkstoff.

 

Info

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05.03.2011 - 31.07.2011
täglich außer montags 10 - 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr in der Weserburg - Museum für moderne Kunst, Teerhofstraße 20, Bremen

 

Weitere Informationen

Dem widerspricht die Weserburg mit einer Ausstellung von 100 Papier-Skulpturen aus dem hauseigenen «Studienzentrum für Künstlerpublikationen». Es sammelt alles, was Künstler vervielfältigen und verbreiten: in zehn Jahren rund 100.000 Arbeiten von der Postkarte bis zur Netzkunst. Seine Überblicks-Schau wartet mit illustren Namen auf.

 

Aus dem Raum in die Fläche

 

Deren Liste liest sich wie ein Who is who der Weltkunst: von Marcel Duchamp und Lucio Fontana über Andy Warhol und Marcel Broodthaers bis zu Damien Hirst, Andreas Gursky und Olafur Eliasson. Alle widmen sich einem geometrischen und kunsttheoretischen Grundproblem: wie man aus der Fläche in den Raum kommt.

 

Die Lösungen reichen von simplen Ansätzen bis zu kniffligen Konstruktionen. Nan Hoover brauchte 1991 nur ein paar Schnitte, um schwarze Pappe zu «Black Mountains with Shadows» zu knicken. Dietrich Helms falzte 1967 die Seiten von Taschenbüchern und bog sie rund – schon entstanden griechische Säulen en miniature.

 

 Audio-Interview mit Kuratorin Bettina Brach

Papier-Tüten + Papp-Kartons

 

Dagegen bildete Daniel Spoerri 1973 eines seiner «Fallenbilder» - sie zeigen Tischplatten voller Geschirr und Essensreste – detailgetreu aus Karton nach: Das Ensemble lässt sich zusammenfalten und als Tasche wegtragen. Und Yayoi Kusama fertigte 2008 aus Silberpapier eine spiegelblanke Mehrebenen-Collage an, deren Bau wohl nur Origami-Experten begreifen.

 

Geduldiges Papier hat von Nouveau Réalisme bis Neo-Geo manche Strömungen der Gegenwartskunst mitgemacht. So diente es etwa als Werbeträger für Konsum-Kritik: Barbara Kruger verteilte 2009 Papiertüten mit der Parole «I shop therefore I am». Oder subtiler bei Les Levine: Er stapelte 1995 im Supermarkt leere Pappkartons mit dem Aufdruck „Mind“ – die Kunden sollten sie mit ihren Assoziationen füllen.

 

Hampelmann von Pipilotti Rist

 

Oft peppten Papierskulpturen auch Bücher und Zeitschriften als Pop-Ups auf. Wie bei Andy Warhol, der 1967 sein «Index»-Buch mit dreidimensionalen Suppendosen, Flugzeugen und Ritterburgen garnierte, oder einem Magazin von 2008 mit Beiträgen von zwölf Künstlern. Da verwandelte Andreas Gursky sein Foto eines Propaganda-Spektakels in Nordkorea zum Massenspektakel im Taschenformat: Das Abbild findet zurück in die räumliche Realität.

 

Die vor originellen Ideen strotzende Schau wirft auf etliche Berühmtheiten ein neues Licht. Claes Oldenburgs handgroße «Geometric Mouse» wirkt überzeugender als seine sattsam bekannten Monumental-Plastiken. Und von der Video-Künstlerin Pipilotti Rist – der man kaum zutraut, dass sie je Papier anfasst – stammt ein echter Hampelmann. Der Pappkamerad ist nur eine von vielen Überraschungen; sie verleihen zeitgenössischer Kunst die häufig vermisste Bodenhaftung.


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