Augsburg

Hann Trier: Lob des Rokoko

Hann Trier: Brezza, 1973, Eitempera auf Leinwand, 97 x 116 cm, Privatbesitz. Foto: © Kunststiftung Hann Trier, VG Bild-Kunst Bonn 2011

Abstrakt im Stil des 18. Jahrhunderts malen? Das geht: Der Informel-Maler Hann Trier hat im Krieg zerstörte Deckenbilder neu gestaltet. Nun zeigt eine Schau mustergültig, wie raffiniert er sich den Geist der Epoche anverwandelte.

Heute fällt sein Name nicht mehr häufig. Doch in den 1950er bis 1980er Jahren war Hann Trier (1915 – 1999) einer der wichtigsten Maler des deutschen Informel. Der dreifache Documenta-Teilnehmer hatte als langjähriger Professor und Direktor der Hochschule der bildenden Künste in West-Berlin großen Einfluss: bei ihm studierten u.a. Georg Baselitz, Marwan und Elvira Bach.

 

Info

Hann Trier: Lob des Rokoko

 

12.03.2011 – 05.06.2011
täglich außer montags 10 – 17 Uhr,  dienstags bis 20 Uhr im Schaetzlerpalais – Deutsche Barockgalerie, Maximilianstr. 46, Augsburg

 

Weitere Informationen

In Berlin schuf Trier auch 1972/4 seine bekanntesten Werke: Deckengemälde für den Weißen Saal und das Treppenhaus von Schloss Charlottenburg. Sie ersetzten die im Krieg zerstörten Fresken von Antoine Pesne. Zuvor wurde fünf Jahre lang gestritten, ob das Original zu rekonstruieren oder eine Neugestaltung zulässig sei. Trier überzeugte die Skeptiker: Seine abstrakten Kompositionen fanden allgemein Beifall. Aufträge in Heidelberg und Köln folgten.

 

Rokoko als Ahnherr des Informel

 

Nicht zufällig – er hatte sich jahrelang mit Barock und Rokoko beschäftigt. Das lag näher, als es scheint. Andere Granden des Informel wie Karl Otto Götz und Emil Schumacher studierten ebenso intensiv die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts: Sie begriffen deren Tendenz zur Auflösung der Formen als geistesverwandt mit ihrem freien Malgestus.


Impressionen der Ausstellung


 

Hommagen an Maler und Baumeister

 

29 davon inspirierte Bilder sind nun in Augsburg versammelt – ein kleiner Teil aus Triers riesigem Œuvre von rund 800 Werken, aber ein bedeutender. Einige Gemälde sind ausdrücklich Hommagen an Vorbilder wie Watteau, Veronese und Tiepolo. Andere sind Bildhauern und Architekten wie Bernini, Eosander und Knobelsdorff gewidmet. Bei der Mehrzahl übertrug Trier vor allem den Geist der Epoche in seine eigene Handschrift.

 

Er malte beidhändig in schwingenden Linien auf mehrfarbigem Grund. «Malen heißt … auf überschaubarer Fläche tanzen. Ich springe in den Rhythmus hinein, indem ich ihn mit den Pinseln so tanze, dass Tanz sichtbar wird», formulierte er einmal. So übernahm er von berühmten Vorlagen wie Watteaus «Gilles» und «Einschiffung nach Kythera» weder Motive noch Bildaufbau. Allein das helle Kolorit und die spielerische Leichtigkeit machen die Wesensverwandtschaft deutlich.

 

Mustergültige Wieder-Entdeckung

 

Für diese Gemälde ist das Schaetzlerpalais ideal. Seine lange Raumflucht mit pastellenen Wänden wirkt dafür wie geschaffen: Zarte Farbkontraste steigern ihre Leuchtkraft, in den Kabinetten entfalten die Großformate monumentale Wucht. Zudem wird die Auswahl sparsam, doch vorzüglich kommentiert: Kleine Reproduktionen der historischen Vorbilder lassen anschaulich werden, wie Trier deren Themen paraphrasierte. Eine mustergültige Wiederentdeckung.


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