München

Walter Benjamin: Eine Reflexion in Bildern

Gisèle Freund: Walter Benjamin in der Bibliothèque nationale, Paris, 1937. Foto: © Estate Gisèle Freund/IMEC Image

Best of Benjamin: Passagen aus seinem Werk illustriert die Pinakothek der Moderne mit Architektur-Fotos und einer Film-Collage aus Madrid. Wem das spanisch vorkommt, der greife zum Begleitband.

Diese Ausstellung ambitioniert zu nennen, wäre reichlich untertrieben. Indem sie zentrale Gedanken aus Walter Benjamins Werk bebildert, will sie dessen Rezeption um eine noch unterbelichtete Dimension erweitern. Fotos und Filme, anhand derer er sein Denken entwickelte und auf die er sich bezieht, sollen ihm ungeahnte Anschaulichkeit verleihen.

 

Info

Walter Benjamin:
Eine Reflexion in Bildern

 

08.04.2011 – 19.06.2011
täglich außer montags 10 – 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr in der Pinakothek der Moderne, München

 

Begleitband 24,80 €, im Buchhandel 28 €

 

Weitere Informationen

Das verwegene Vorhaben hat einen Fürsprecher in Benjamin selbst. Im «Passagen-Werk» spricht er von der «blitzhaften» Erkenntnis durch das Bild als «Dialektik im Stillstand»; hingegen sei der Text nur «der langnachrollende Donner». So unmittelbar einleuchtend dieses Sprach-Bild scheint – die Exegese seines Geltungsbereichs wäre ein Fall für ausgiebige Benjamin-Forschungen. Doch mit Abwägen hält sich diese Schau nicht auf.

 

Zitate und Bilder auf Bannern

 

Sie gliedert sich in zwei Teile. Den einen über Benjamins «Texte zur Architektur» verantwortet das Architekturmuseum der TU München: Auf raumhohen Bannern werden geläufige Überlegungen Benjamins etwa zum bürgerlichen Interieur, zum Paris im 19. Jahrhundert – mit seinen Boulevards, Passagen und Weltausstellungen – sowie zum «spurlosen Wohnen» in der Bauhaus-Moderne mit zeitgenössischen Bildern garniert.


Impressionen der Ausstellung


 

45-minütiger Video-Clip mit Begleit-Band

 

Solide und vorhersehbar: Klassische Aphorismen treffen auf nicht minder klassische Fotos von Eugène Atget, Germaine Krull oder Bruno Taut. Wem all dies neu ist, der dürfte staunen; Benjamin-Leser, die schon mal ein paar Bildbände durchgeblättert haben, kaum. Ist das Fotomaterial entlegen, wirkt es dagegen entbehrlich: Wie sollen verwaschene Kirchturm-Silhouetten Benjamins Idee von einer «Ochrana der Architektur» in Moskau erhellen?

 

Den zweiten Teil hat der «Circulo de Bellas Artes» in Madrid erstellt; sein Direktor Juan Barja ist zugleich Herausgeber der spanischen Benjamin-Ausgabe. Das Kulturzentrum steuert eine 45-minütige Film-Collage bei, die seine wichtigsten Thesen und Topoi mit bewegten Bildern illustriert – hektisch geschnitten wie ein überlanger Video-Clip. Um den Überblick zu behalten, bietet der Begleitband einen 40-seitigen Kommentar: mit Marginalien, die sekundengenau angeben, was wann zu sehen ist.

 

Guido-Knopp-Geschichtsdoku der Germanistik

 

Das Material ist recht heterogen: von obskuren Stummfilm-Schnipseln, die nur noch Kinemathek-Archivare kennen, bis zu Gewohntem von Sergej Eisenstein oder Leni Riefenstahl. Der Kommentar erläutert detailliert, welche Szenen was belegen sollen – nötig für Abschnitte, die nur mit Handbuch verständlich sind. Gefolgt von Passagen, in denen Benjamin-Evergreens wie vom «Engel der Geschichte» samt Nazi-Aufmärschen und Weltkriegs-Trümmern eine Art Guido-Knopp-Geschichtsdoku der Germanistik ergeben.

 

Allerdings beschränkt sich die Auswahl auf Schwarzweiß-Streifen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hätte es dem Geist des Autors nicht eher entsprochen, ganz anderes Material einzusetzen – etwa Geflimmer aus der pixelverseuchten Gegenwart? Welche blitzartigen Erkenntnisse könnten sich einstellen, wenn anstelle der üblichen SA-Kohorten und Hitler-Karikaturen beispielsweise Kauflustige im Shopping-Center und Showstars eingeblendet würden? Doch die Film-Monteure kleben historisch korrekt am Gewesenen.

 

Scheitern auf hohem Niveau

 

Dennoch mag man dem ehrgeizigen Projekt die Achtung nicht versagen. Es ist einem Theoretiker gewidmet, der wie kaum ein anderer in Bildern dachte und formulierte – und dessen ambivalentes Denken sich zugleich jeder vereinfachenden Bebilderung entzieht. Diesem schillernden und sensiblen Wortkünstler mit einem Standard-TV-Format gerecht zu werden, ist unmöglich.

 

Insofern scheitert die Ausstellung auf hohem Niveau. Dass ihr gelingt, wichtige Motive von Benjamins Denk-Kosmos anzureißen, ist eine reife Leistung: Sie kann Bachelor-Studenten als gelungene Einführung dienen, die nicht wie ihre Vorgänger in den 1970/80er Jahren sein Gesamtwerk inhalierten – und jenen zur Auffrischung des Halbvergessenen. Zumal sich niemand ins Museum bemühen muss: Alle Texte und der komplette Film auf DVD finden sich im Begleitband.


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