München + Siegen

Cy Twombly: Fotografien 1951 – 2010

Tulips, 1985; Foto: © 2011 Cy Twombly / courtesy Schírmer/Mosel

Unscharf, unterbelichtet und grobkörnig: Twomblys Aufnahmen vom Treibgut des Alltags sabotieren jede technische Perfektion. Das befestigt seinen Ruf als kryptischer Künstler – zu sehen im Museum Brandhorst und in Siegen.

Cy Twombly ist der vermutlich kryptischste Großkünstler der Gegenwart – seine mit allerlei Schraffuren, Kritzeleien und Collagen bedeckten Leinwände geben seit fünf Jahrzehnten dem Kunst-Publikum Rätsel auf. Das reagiert entsprechend. Der kleinen Schar seiner Verehrer steht eine Mehrheit gegenüber, die ihn achselzuckend ablehnt.

 

Info

Cy Twombly:
Fotografien 1951 – 2010

 

07.04.2011 – 10.07.2011
täglich außer montags 10 – 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr im Museum Brandhorst, Theresienstraße 35 a, München

 

Katalog 38 €

 

Weitere Informationen

 

17.07.2011 – 30.10.2011
täglich außer montags 11 – 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr im Museum für Gegenwartskunst, Unteres Schloss 1, Siegen

 

Weitere Informationen

Die Plastiken, die Twombly seit den 1970er Jahren schafft, haben ihn nicht populärer gemacht: Zu unbestimmt erscheinen die kruden, krummen Volumina, die er in diversen Materialien ausführt. Außerdem fotografiert er. Seine Aufnahmen seien zugänglicher, sollte man meinen: Schließlich kommen sie ohne Realitätsbezug nicht aus.

 

Unscharf, unter- oder überbelichtet

 

Allerdings verweigert sich der US-Amerikaner auch mit der Kamera jedem Anspruch auf Eindeutigkeit. Das zeigen die rund 100 Fotografien – die meisten aus den letzten Jahren – die  derzeit im Museum Brandhorst zu sehen sind; danach wandert die Schau nach Siegen.

 

Seine Bilder unterlaufen alle Standards, die gemeinhin für gute Fotos gelten: Sie sind unscharf, unter- oder überbelichtet, grobkörnig, oft vergilbt oder ausgeblichen – und im aufwändigen Dryprint-Verfahren gedruckt, das diese Mängel besonders deutlich hervortreten lässt.


Impressionen der Ausstellung


 

Mischung aller Farben ergibt Grau

 

Die Motivwahl ist an Banalität kaum zu überbieten. Welkes Gemüse, schmutziges Geschirr, Ramsch in der Garage oder beim Trödler, irgendwelche Ecken im Atelier oder auf Hinterhöfen, wo alles Mögliche herumliegt. Twombly unterlässt es, dieses Treibgut des Alltags durch ausgewählte Perspektiven oder Lichtführung optisch aufzuwerten.

 

Die Kuratoren fühlen sich an den Piktorialismus der Jahrhundertwende erinnert, der Fotos qua Unschärfe Gemälden gleichstellen wollte; sie sehen «beinahe konstruktivistische Stillleben» und eine «spielerische Adaption von Informel und Monochromie» am Werk. Lies: Diese Fotos vereinten die halbe Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Doch die Mischung aller Farben ergibt stumpfes Grau.

 

Schnappschüsse auf Lomo-Niveau

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Turner – Monet – Twombly: Later Paintings“ in der Staatsgalerie Stuttgart

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Übermalt. Verwischt. Ausgelöscht“ zum Porträt im 20. Jahrhundert mit Werken von Cy Twombly in der Hamburger Kunsthalle.

Es wäre sicher verfehlt, diese Bilder als Scherze eines Veteranen abzutun, der jeden Ausschuss mit seinem Renommee adeln kann. Das sind sie gewiss nicht: Twomblys Formwille ist offensichtlich. Sein Blick für das Nebensächliche und Unscheinbare kontrastiert wohltuend mit der Hochglanz-Optik, die unsere digitalen Bilderwelten beherrscht.

 

Zuweilen passt seine Sabotage technischer Perfektion zum Sujet: So gelingen ihm interessante Landschafts-Aufnahmen und Detail-Studien – die berühren, gerade weil verwaschene Farbfelder zu einem diffusen Gesamteindruck zusammenlaufen. Doch meist bleiben seine Schnappschüsse auf dem Niveau von Lomo-Fotografie: Spontan aus der Hüfte abgelichtet und eilends entwickelt. Derlei Dutzendware wird auch durch einen berühmten Namen nicht besser.


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