Berlin

Die Ernst Jandl Show

Ernst Jandl bei einem Auftritt in Saalfelden, 1994; Foto und [c] Matthias Creutziger / Wien Museum

Mit zischendem Stammel-Deutsch Tausende von Briten begeistern – das hat nur Ernst Jandl geschafft. Eine herrlich abwechslungsreiche Ausstellung im Literaturhaus Berlin erinnert an den populärsten konkreten Poeten.

«er august stramm / sehr verkürzt hat / das deutsche gedicht // ihn august stramm / verkürzt hat / der erste weltkrieg // wir haben da / etwas länger gehabt / um geschwätzig zu sein». Die Kunst der Verknappung, der spielerische Umgang mit Sprache und der sarkastische Witz: In diesen neun Zeilen ist der ganze Ernst Jandl enthalten. Sein Credo lautete: «Was ich will sind Gedichte die nicht kalt lassen». Das gelang ihm am 11. Juni 1965.

 

Info

Die Ernst-Jandl-Show

 

14.05.2011 – 17.07.2011

täglich außer montags 11 – 19 Uhr im Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23

 

Katalog 22,90 €

 

Website des Literaturhauses

«Hitlerian aspect»

 

Seinen Durchbruch erlebte er in London: Jandl trat vor 7000 Menschen in der Royal Albert Hall auf. Als vorletzter Dichter eines Beatnik-Happenings – nach ihm sollte Allen Ginsberg kommen. Doch nun erschien auf der Bühne ein rundlicher Österreicher mit Hornbrille, den keiner kannte: Er gab Zischlaute von sich und gestikulierte wild. Die Menge, die seit drei Stunden ausharrte, erstarrte vor diesem «Hitlerian aspect», wie es ein Kritiker später nannte.

 

Erst als Jandl seine «ode auf N» ins Rund schrie, deren Buchstaben den Namen Napoleon formen, begriff das Publikum, dass er den Führergestus karikierte: Die Spannung löste sich in Jubel auf. Der Nobody, den niemand verstand, riss seine Zuhörer mit Lautmalereien hin. Ein Mitschnitt dieser Sternstunde ist auch der Höhepunkt der «Ernst Jandl Show». Er lässt noch heute schaudern: Solche Massenbegeisterung hat Lyrik einmal ausgelöst!

 

Impressionen der Ausstellung

 



 

Den Vortragskünstler hören

 

Die Show bemüht sich nach Kräften um Wiederbelebung: Nach ihrem Auftakt in Wien ist sie nun in Berlin zu sehen. Dafür zieht sie multimedial alle Register wie Jandl in seiner Poesie: Filme, TV-Sendungen, Monitore und Tonkonserven lassen den vor zehn Jahren Verstorbenen wieder auferstehen. Er war vor allem Vortragskünstler: Seine Gedichte muss man hören.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension der Ausstellung „Poetry goes Art & vice versa“ über Konkrete Poesie in der Weserburg Bremen

 

und hier einen Literaturen-Beitrag über die Beziehung von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker.

Mit üblichen Literaturausstellungen voller Autographen und Erstausgaben hat die Show wenig gemein. Lieber breitet sie Jandls umfangreiche Plattensammlung aus: erlesener Jazz und experimentierfreudige Avantgardisten wie Captain Beefheart – und der Sammler selbst. Noch 1994 wollte Blixa Bargeld ihn als Gastmusiker zu den Einstürzenden Neubauten holen.

 

Wohnung von Bruno Kreisky

 

Daneben sind lange Inventar- und Einkaufs-Listen zu sehen: Jandl war auch ein Pedant, der sich an seinen Brotberuf als Lehrer klammerte, um beim Dichten alle Freiheiten zu haben. Der als treues SPÖ-Mitglied brieflich Bundeskanzler Bruno Kreisky um eine größere Wohnung bat – was der Regierungschef huldvoll gewährte. Ganz Österreich ist im Wortlaut dieser Korrespondenz enthalten: Jandl hätte seine One-Man-Show gewiss gefallen.


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