
Potlatch (oder Potlatsch) ist eines der wenigen Worte aus Indianersprachen, die ins Deutsche übernommen wurden: als Synonym für freiwillige Vergeudung im großen Stil. So nennen die Kwakwaka’ wakw (früher: Kwakiutl) an der Westküste Kanadas ihre großen Feste, bei denen ein Chief mehrere hundert Anwesende reich beschenkt. Dieses Ritual missverstanden die ersten Europäer, die davon Notiz nahmen, als bizarre Verschwendungsorgie.
Info
Die Macht des Schenkens – Der Potlatch im Großen Haus der Kwakwaka’wakw an der kanadischen Nordwestküste
07.05.2011 – 21.08.2011
täglich außer montags 10 – 18 Uhr in der Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden
Katalog 34,90 €
Ihnen entging, dass der überaus großzügige Chief etwas zurückbekommt: Ansehen. Je mehr er verschenkt, desto stärker steigert er sein Prestige. Dieses symbolische Kapital braucht er, um legitimerweise Privilegien und Rechte auf Jagd- und Fischgründe zu beanspruchen und sie an Familien-Angehörige weiterzureichen. Außerdem sorgt der Potlatch für soziale Umverteilung: Reiche Clans geben Güter an ärmere ab – wie bei einem Steuersystem.
Geschenke für den Zusammenhalt
Zudem wird der gastgebende Chief mit seinem Clan später zu anderen Festen eingeladen. Der Potlatch sorgt also für eine Zirkulation der Güter in der Gemeinschaft; das wechselseitige Schenken und Beschenktwerden festigt ihren Zusammenhalt. Jede Gruppe kennt solche Rituale, um engere Bande zu knüpfen. Dennoch untersagte Kanadas Regierung 1885 den Potlatch; danach mussten die Kwakwaka’ wakw Masken und andere Ritualobjekte abgeben.
Impressionen der Ausstellungs-Eröffnung
1951 endete das Verbot; in den 1970er Jahren wurden die Gegenstände ihren Eigentümern zurückerstattet. An der Westküste entstanden daraufhin zwei Museen für die Objekte, wenn sie nicht gerade bei Festen benutzt werden. Mit dem U’mista Cultural Centre in Alert Bay arbeiten nun die Dresdener Kunstsammlungen (SKD) auf spektakuläre Weise zusammen: Sächsische Kunstwerke wandern für eine Ausstellung nach Alert Bay, Potlatch-Objekte im Gegenzug nach Dresden.
Barock-Kunst für West-Kanada
Die Grundidee ist bestechend: Sachsen verfügt über unzählige Kunstschätze der barocken Hofkultur. Deren Zurschaustellung von Prunk und ihre Lust an demonstrativer Verschwendung ähneln dem massenhaften und organisierten Verschenken beim Potlatch. Da bietet sich an, dass beide Museen über alle Kulturgrenzen hinweg ihre Bestände austauschen, um Analogien und Unterschiede sozialer Praktiken deutlich zu machen.
Deshalb sind jetzt in Dresden rund 50 bedeutende Potlatch-Artefakte zu sehen; sie haben Kanada erstmals verlassen. Zur gleichen Zeit zeigt das U’mista Cultural Centre Kleinodien aus sächsischen Schatzkammern. Die SKD feiern ihre Initiative als wegweisende Kooperation für die globalisierte Welt: ein Vorbild für alle Museen, ihre Fixierung auf die jeweils eigene Kultur abzulegen.
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