Michelangelo Frammartino

Vier Leben

Allabendlich nimmt Ziegenhirt Giuseppe Fuda seine Medizin. Foto: NFP Film

(Kinostart: 30.6.) Keine Zeit für Sommerfrische? Dann ab ins Kino: Dieser wortlose Film über das Leben in einem kleinen Dorf in Kalabrien ist Tiefenentspannung pur – als Reise in eine archaische Welt.

Ein kleines Dorf in Kalabrien, der vernachlässigten und verarmten Stiefelspitze Süditaliens. Am Ortsrand steht das Haus des Ziegenhirten. Jeden Morgen zieht er mit seiner Herde hinaus auf die Weide. Jeden Abend nimmt er seine Medizin – in Wasser aufgelöster Staub vom Boden der Dorfkirche. Eines Tages verliert er seine Ration aus der Tasche; in der Nacht stirbt er. Seine Ziegen halten Totenwache.

 

Info

Vier Leben

 

Regie: Michelangelo Frammartino, 88 min., Italien/ Deutschland 2010;
mit: Giuseppe Fuda, Bruno Timpano, Nazareno Timpano

 

Offizielle Website

Am nächsten Morgen wird ein Zicklein geboren. Doch sein Leben währt nicht lang: Es verliert den Anschluss an die Herde, verirrt sich im Wald und sucht Schutz unter einer hohen Tanne. Den mächtigen Baum fällen die Dörfler im nächsten Frühling und schaffen ihn gemeinsam in die Ortsmitte: Dort richten sie ihn wie einen Maibaum auf – für die «Festa della Pita», ein alljährliches Fruchtbarkeits-Ritual aus der Zeit der Langobarden.

 

Alles endet in Rauch

 

Nach dem Fest wird der Stamm an Köhler verkauft. Sie zersägen und verarbeiten ihn zu Kohle. Minutenlang schwelt der Köhlerhaufen auf der Leinwand vor sich hin. Am Ende löst sich alles in Rauch auf.


Offizieller Film-Trailer


 

Leben im Kreislauf der Jahreszeiten

 

Perfektes Kino kann so einfach sein. Es braucht keine Spezialeffekte, keine Dialoge, nicht einmal eine Handlung. Nur einen Regisseur, der einen Ausschnitt der Welt so geduldig wie sensibel beobachtet. Das macht Michelangelo Frammartino in dem Nest Caulonia, wo uralte und andernorts längst vergessene Traditionen noch lebendig sind.

 

Den Titel «Vier Leben» entlehnt er der Seelenwanderungs-Lehre des Pythagoras, wonach jeder Mensch eine mineralische, pflanzliche, tierische und humane Natur in sich trägt. Man muss diese Naturmystik nicht mitmachen, um den Film zu genießen. In vier Episoden aus ruhigen Einstellungen, die keine Sekunde langweilig werden, zeigt er das Dorfleben. Dessen Rhythmus im Kreislauf der Jahreszeiten hat sich seit der Antike wenig verändert.

 

Lebens-Zeichen einer sterbenden Kultur

 

Das ist, was Tausende von Italien-Touristen in jedem Sommer suchen – und kaum noch finden. Bald wird die Globalisierung jede verborgene Nische in mediterranen Bergtälern modernisiert haben. Insofern wären Prädikate wie «im Einklang mit der Natur», «meditativ» oder «exotisch» Edelkitsch, der dem Film Unrecht täte: Er ist das vermutlich letzte Lebenszeichen einer sterbenden Kultur.


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