Lübeck

© Arno Schmidt: Der Schriftsteller als Fotograf

Arno Schmidt: ohne Titel, 1964-1979; Foto: Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 2010

Nicht ohne meinen Fotoapparat: Auf täglichen Spaziergängen lichtete Arno Schmidt die Natur in der Heide ab. Seine ereignisarmen, aber subtilen Aufnahmen sind nun im Günter Grass-Haus in Lübeck zu sehen.

Arno Schmidt war der große Eigenbrötler der Nachkriegsliteratur. Den Metropolen blieb er fern; seinen Wohnort Bargfeld in der Südheide verließ er nur, wenn es unbedingt nötig war. Von 1958 bis zu seinem Tod 1979 lebte er dort mit seiner Frau Alice in dörflicher Abgeschiedenheit und im Rhythmus der Jahreszeiten.

 

Info

© Arno Schmidt: Der Schriftsteller als Fotograf

 

08.07.2011 – 02.10.2011

täglich 10 bis 17 Uhr im Günter Grass-Haus, Glockengießerstr. 21, Lübeck

 

Katalog 49,90 €

 

Weitere Informationen

Den Spektakeln des städtischen Treibens zog Schmidt die Sensationen der Wanderwege vor: Nahezu täglich ging in der Heidelandeschaft spazieren, durchstreifte Wiesen und Wälder und betrachtete das Formen- und Farbenspiel von Naturerscheinungen. Das hielt er unermüdlich mit der Kamera fest – in mehr als 2.500 Aufnahmen. Zunächst fotografierte Schmidt in Schwarzweiß, ab den 1960er Jahren in Farbe auf Dia-Film.

 

Aus diesem Nachlass zeigt das Günter Grass-Haus in Lübeck rund 80 Bilder, zusammengestellt von der Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld; die Schau war zuvor in leicht veränderter Form in Remagen zu sehen. Schmidts erste Fotos aus den 1950er Jahren sind noch banale Schnappschüsse. Doch rasch gelingen ihm kontrastreiche Kompositionen aus Linien und Blickachsen.

 

Impressionen der Ausstellung in Remagen

 



 

Als Schmidt auf Farbfotografie umsteigt, zeigt sich sein Sinn für Details. Bei völlig alltäglichen Motiven: Mit Holzschindeln verkleidete Bauernhäuser; von Bächen durchzogene Felder und Weiden; Gräserbüschel und Baumstämme am Waldrand.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Literaturen-Rezension des Tagebuchs von Alice Schmidt

und hier eine kultiversum-Rezension über die Ausstellung von Kunst zu Arno Schmidt in der Berliner Galerie Parterre.

Schmidt ringt jedoch gewöhnlichen Dingen subtile Nuancen ab: Die Schraffur der Halme, die Maserung der Baumrinde, Lichtreflexe auf den Gewässern und bauschige Wolken kombiniert er zu betörenden Tableaus. Sie dienten ihm beim Schreiben als optischer Erinnerungsspeicher.

 

Ohne Arno Schmidt zum Foto-Großkünstler stilisieren zu wollen, ragt sein Werk doch über Amateur-Knipserei weit hinaus. Ihn faszinierte das vordergründig Ereignislose, in dem sich eine eigene Welt verbirgt – ähnlich baute der kauzige Wortmagier seine Romane auf. So erweist sich sein Foto-Fundus als wichtige Inspirationsquelle für seine Bücher. Und ihre optischen Qualitäten machen sie nicht nur für eingefleischte Arno-Schmidt-Fans interessant.


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