Karlsruhe + Hamburg

Atlas: How to Carry the World on One’s Back?

August Sander: Handlanger, aus der Serie: Antlitz der Zeit, 1928; Foto: ZKM

Das ZKM will die Fülle der Welt schultern: Seine Ausstellung über Quellen-Sammlungen von Künstlern gerät zur ausufernden Materialschlacht. Die ordnet nur der Katalog – wenn man avanciertes Akademiker-Englisch versteht.

Info

 

ATLAS: How to Carry the World on One’s Back?


07.05.2011 – 07.08.2011
mittwochs bis sonntags 10 – 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im ZKM, Lorenzstraße 19, Karlsruhe

 

01.10.2011 – 27.11.2011
mittwochs bis sonntags in der Sammlung Falckenberg, Wilstorfer Str. 71, Hamburg

 

Katalog auf Englisch 39 €

 

Weitere Informationen

 

Ein viel versprechendes Vorhaben: Anstelle der Werke von Künstlern einmal die Quellen zusammentragen, aus denen sie geschöpft haben. Um auf diese Weise Einblicke in den mysteriösen Vorgang zu gewinnen, der Schaffensprozess genannt wird. Doch die Ausstellung «Atlas», die das ZKM mit dem Museo Reina Sofia in Madrid auf die Beine stellt, will noch viel mehr: Ihr Namensgeber schulterte bekanntlich die ganze Welt.

 

Wie das möglich ist, fragt die Schau im Untertitel – und sucht die Antwort bei Aby Warburgs «Mnemosyne». Der Kunsthistoriker hatte von 1924 bis 1929 auf rund 60 Tafeln etwa 2000 Bilder aus Kunst- und Kulturgeschichte zusammengestellt, die er nach Bedarf umarrangierte. Sein berühmter Bilderatlas revolutionierte die Disziplin: Er veranschaulichte, wie manche Motive über Länder- und Zeitgrenzen hinweg übernommen und uminterpretiert wurden.

 

Ähnlich gehen etliche Künstler vor, so Kurator Georges Didi-Huberman, wenn sie Material sammeln: Indem sie Fundstücke und Momentaufnahmen nach eigenen Regeln kombinieren, setzen sie gleichsam die Einzelteile der Welt neu zusammen und eröffnen damit zuvor unbemerkte Perspektiven auf sie. Jeder Künstler ein Weltenschöpfer – zumindest in der Theorie.

Impressionen der Ausstellung


 

In der Praxis wird sie zur Materialschlacht: Die Ausstellung breitet eine gewaltige Menge von Kollektionen aus, die fast 100 Künstler seit Goya bis in die Gegenwart als Fundus verwendet haben. Das Spektrum reicht von Fotoserien zu Phänomenen aller Art – Dalí kompilierte Gesichter in Ekstase, Josef Albers präkolumbianische Bauwerke, Giuseppe Penone Hunderte Details von Körpern – über Berge von Notizzetteln bis zu Herbarien, die Paul Klee inspirierten.

 

In bunter Reihe wechseln jene Sammlungen, die zur Anschauung und Anregung angelegt wurden, mit solchen, die den Status eigenständiger Werke beanspruchen. Die Inszenierung begreift sich selbst als eine Art Atlas, in dem eine nicht-hierarische Anordnung der Elemente ungeahnte Einsichten in alle Richtungen eröffnen soll.

 

Verdoppelung der Fülle der Erscheinungen

 

Dabei verliert sie jedes Maß. Alle Ausstellungen operieren unter zwei Bedingungen: der begrenzten Aufmerksamkeit von Besuchern und den festgelegten Öffnungszeiten des Museums. Man bekommt die unendliche Fülle der Erscheinungen nicht in den Griff, wenn man sie einfach verdoppelt: Informieren heißt, Wesentliches von Unwichtigem zu trennen. Wird das souverän ignoriert, versandet auch das ehrgeizigste Konzept im Uferlosen.

 

Deshalb findet die eigentliche Schau nicht in ihrer Anhäufung von Objekten statt, sondern im Katalog. Er enthält auf mehr als 400 Seiten viel Kluges über das Atlas-Prinzip als Organisationsform von Welt-Erfahrung – für Leser, die avanciertes Akademiker-Englisch beherrschen. Alle anderen sind zur Kapitulation verdammt: Was man nicht zeigen kann, darüber muss man schweigen.


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