Stipe Erceg

Belgrad Radio Taxi

Ein Traum in rosarot: Gavrilo kauft einen Auto-Sitz für sein Findelkind; Foto: Farbfilm Verleih

(Kinostart: 21.7.) Burleske auf der Brücke: Im Stau läuft das Leben von vier Städtern völlig aus dem Ruder. Die krude Handlung, die alle in denselben Schlamassel stürzt, können weder Wortwitz noch gute Schauspieler retten.

Sie wären besser durch die Save geschwommen: Ein Stau auf der Straßenbrücke stürzt das Leben von vier Hauptstadt-Bewohnern ins Chaos. Mitten über dem Fluss springt Jasmina aus dem Taxi von Gavrilo und in die Tiefe. Im Auto lässt sie ihr Baby zurück: Der entgeisterte Fahrer wird zum unfreiwilligen Stiefvater für den Findling.

 

Info

Belgrad Radio Taxi

 

Regie: Srdjan Koljevic, 101 min., Serbien/Deutschland 2010;
mit: Nebojsa Glogovac, Branka Katic, Stipe Erceg

 

Offizielle Website

Das erleben die Apothekerin Biljana und die Lehrerin Anica mit. Biljana hat sich mit ihrem Verlobten zerstritten und steigt ohne Federlesen in Anicas Wagen um. Beide erinnert der Zwischenfall an ihre Vergangenheit; sie schütten einander ihr Herz aus. Nach dem Unfalltod ihres Kindes ging Anicas Ehe in die Brüche. Biljana kann ihren Ex-Geliebten nicht vergessen: Der starb vor zehn Jahren, als er sich vor dem Militärdienst drücken wollte.

 

Orthodoxer Priester als Verehrer

 

Zudem verbindet beide, dass ungebetene Verehrer sie verfolgen. Anicas Schüler Marko stellt ihr schwärmend nach. Biljana wird heimlich vom Bruder ihres toten Ex angebetet – obwohl Stefan mittlerweile orthodoxer Priester und verheiratet ist. Derweil macht Gavrilo die Mutter des Babys ausfindig: Jasmina liegt im Koma in der Klinik. Als sie aufwacht, taucht auch ihr Lover Vuk auf – ein skrupelloser Rocker. Der betrachtet Gavrilo als Nebenbuhler und fackelt nicht lange.


Offizieller Film-Trailer


 

Aus dem Kinoland Serbien kam jahrelang wenig außer rabenschwarzen Kriegs-Dramen und Klamotten zu Balkan-Blasmusik à la Emir Kusturica. Das hat sich geändert: Eine neue Filmemacher-Generation ist nicht mehr auf Opfer und Leid der Jugoslawien-Kriege fixiert.

 

Von einem Schlamassel zum anderen

 

Auch Regisseur Srdjan Koljevic sieht seine Brücke zwischen Alt- und Neu-Belgrad als Metapher für den Mentalitäts-Wandel, den die Serben endlich wagen sollen: Im Autoradio dudeln sentimentale Schlager aus den 1960/70er Jahren, doch der Oldie-Sender wird bald abgeschaltet.

 

Leider hat Koljevic die Handlung hoffnungslos überkonstruiert: Alle Figuren sind irgendwie miteinander verbandelt, alle treffen ständig zufällig aufeinander, alle rutschen dauernd von einem Schlamassel in den nächsten. Das mag als Seifenoper oder Comedy angehen, wo Plausibilität wenig zählt; als Tragikomödie ist es schwer erträglich.

 

Inzest-Musical ist besser

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der „donumenta 2011“ in Regensburg über zeitgenössische Kunst aus Serbien.

Den verkorksten Plot gleichen auch schlagfertige Dialoge und gute Hauptdarsteller nicht aus: Nebojša Glogovac, in Serbien ein Star, spielt als Gavrilo den Babysitter wider Willen mit knurrigem Charme. Branka Katic als Biljana versprüht im weißen Kittel mehr Erotik, als ihre Nachtapotheke erlaubt.

 

Aber es bleibt bei einem Seitensprung – am Ende findet jedes Töpfchen sein Deckelchen. Wie man serbische Patchwork-Familien origineller auf die Leinwand bringt, hat Glogovac 2010 unter der Regie von Oleg Novković in «Beli beli svet» («Weiße weiße Welt») gezeigt: Ein Inzest-Drama als Musical.


Diesen Artikel drucken