Karlsruhe

Car Culture

Sergei Shekhovtsov: Duell, 2011; Foto Anatole Serexhe, © ZKM | Karlsruhe

Aus Freude am Fahren: Das ZKM in Karlsruhe wird zum familientauglichen Drive-in-Museum und fährt Kunst im automobilen Zeitalter auf. Wer sich nicht ans Steuer setzen will, kann den Auto-Kultursalon auch virtuell besuchen.

Die Landesregierung in Stuttgart hat für 2011 einen «Automobilsommer» ausgerufen: Vor 125 Jahre meldete Carl Benz das erste Dreirad mit Benzinantrieb zum Patent an. Anlass für ein üppiges Festprogramm: Von Benz’ Erfindung lebt Baden-Württemberg «als eines der weltgrößten Autocluster» bis heute. Und welcher Ort wäre für die große Gedenkausstellung besser geeignet als Karlsruhe mit seiner Zentrale für Kulturvermittlung durch Multimedia?

 

Info

Car Culture


18.06.2011 – 08.01.2012
mittwochs bis sonntags 10 – 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im ZKM / Museum für Neue Kunst, Lorenzstraße 19, Karlsruhe

 

Webseite zur Ausstellung

So wandelt sich das ZKM zum Drive-in-Museum für rund 50 Künstler. Sein Erdgeschoss wird zum Parkplatz für eine stattliche Wagenflotte: mehr als 60 Arbeiten, die Mehrzahl tonnenschwer. Darunter sind ein paar futuristische Ausreißer aus Fiberglas oder Styropor, doch die meisten Halter setzen auf traditionelle Technik aus Stahl und Reifengummi.

 

Wobei Kunst über Autos meist gegen Autos bedeutet. Kein Werk feiert grenzenlose Mobilität am Steuer, entfesselte Elementarkräfte im Zylinder oder den satten Sound von Motorgeräuschen. Wer Spaß an Beschleunigung hat, darf sich an zwei Fahrsimulatoren austoben. Für die Zukunft des Automobils stehen eine Handvoll emissionsfreie Modelle von Star-Architektin Zaha Hadid und Nachwuchsdesignern – als einzige konstruktive Beiträge.

 

Impressionen der Ausstellung

 



 

Rolls-Royce geteert und gefedert

 

Die übrigen Teilnehmer frönen ihrer Zerstörungslust. Sonst sieht man nur auf dem Schrottplatz soviel zerbeultes Blech und deformierte Wracks. Ein halbes Dutzend davon stapelt der Autokunst-Pionier HA Schult – schon 1970 raste er 20.000 Kilometer zwischen Hamburg und München hin und her. Noch ärger treibt es der alte Recke Wolf Vostell: Er quetscht eine Karosserie mit der Straßenwalze platt. Vostell gießt auch gern verkeilte Autos in Beton; das Kollektiv «Ant Farm» rammte 1974 zehn Cadillacs kopfüber in die Erde.

 

Andere Künstler malträtieren Autos nicht ganz so rabiat, aber spielen ihnen dennoch übel mit. Elmgreen & Dragset teeren und federn einen Rolls Royce, Paweł Wocial beklebt ihn mit Stofftieren. Köberling & Kaltwasser lassen zwei aus Holz nachgeformte Porsche Cayenne frontal ineinander rasen, was erlaubt, den Moment des Aufpralls eingehend zu studieren. Li Hui inszeniert einen ausbrennenden Jeep, Sergej Šehovcov jagt einen Truck durch die Wand.

 

Mit Schneidbrenner und Schrottpresse

 

Dabei beschränken sich die Bruchpiloten auf wenige Typen. Beliebt sind entweder Mercedes, Porsche und US-Straßenkreuzer, als Sinnbilder für Luxus und Dekadenz, oder Kleinwagen wie Trabant und VW. Nicht etwa Polo oder Golf, sondern VW-Bus und Käfer – als liefen diese Vehikel des automobilen Massen-Aufbruchs der 1960/70er Jahre immer noch vom Band.

 

Offenbar eignen sie sich unverändert als Symbole für Auto-Anbetung und PS-Gläubigkeit, die es mit Schneidbrenner und Schrottpresse zu geißeln gilt. Oder mit der fingerdick aufgetragenen Ironie eines Erwin Wurm, dessen «Fat Car» ebenso wenig fehlt wie sein Laster, der die Ladefläche hochbiegt. Ähnlich Tobias Rehberger, der von Hand gezeichnete Entwürfe in Fernost nachbauen lässt, weswegen seinen Prototypen der Kühlergrill fehlt.


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