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Ecce Homo (Detail), 1913, Antikglas, Blei- und Schwarzlot; Foto: ohe

Johan Thorn Prikker – Vom Jugendstil zur Abstraktion


Ein Anarchist, der Kirchen leuchten ließ: Johan Thorn Prikker hat nach 1900 das halbe Rheinland ausgeschmückt. Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf widmet dem vielseitigen Niederländer die erste Retrospektive seit 30 Jahren.


Sakralkunst ist häufig für einen Skandal gut. Auch heute noch: Wenn Gerhard Richter oder Neo Rauch neue Kirchenfenster entwerfen, findet sich meist irgendein Kleriker, der dagegen heftig protestiert. Schon ist eine schöne Feuilleton-Debatte entfacht.

 

Info

Johan Thorn Prikker:
Mit allen Regeln der Kunst -
Vom Jugendstil zur Abstraktion

 

26.03.2011 - 07.08.2011
täglich außer montags 11 - 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr im Museum Kunstpalast, Ehrenhof 4 - 5, Düsseldorf

 

Katalog 36 €

 

Weitere Informationen

Umso mehr gilt das für den Beginn des 20. Jahrhunderts, als es im religiösen Raum für die Mehrheit noch um Seelenheil und ewige Verdammnis ging. Damals rang man um die Gestaltung von Gotteshäusern mit einer Inbrunst, die heute kaum vorstellbar erscheint.

 

Einen solchen Streit entfesselte Johan Thorn Prikker (1868 – 1932): Der Niederländer lieferte 1907 drei Chorfenster für die heutige Kapelle St. Quirinus in Neuss. Sie zeigten Alpha, Omega und das Kreuz inmitten von Blatt- und Blütenornamenten. Die schlichte Symbolik nahm die Amtskirche ungnädig auf: Pfarrer Josef Geller musste die Fenster ausbauen.

 

Fenster verboten, Pfarrer versetzt

 

Ähnliches wiederholte sich 1912 in der neugotischen Dreikönigskirche von Neuss: Abermals bestellte Geller drei Chorfenster. Prikker schuf eine Szenenfolge des Lebens Christi in stark vereinfachten Formen. Prompt verbat der Erzbischof die Installation der Fenster und versetzte Geller. Erst nach öffentlichen Protesten wurden die Fenster 1919 eingebaut.

 

Ihr Schöpfer kannte derartige Kulturkämpfe aus seiner Heimat. Als Sohn eines Kunstglasers und Dekorationsmalers flog er 1887 wegen «unordentlichen Verhaltens»von der Kunstakademie. Auch später hielt er es nie lange an einem Ort aus: Sein Benehmen war so eigensinnig und rüpelhaft, dass mancher an seinem Verstand zweifelte.

 

Impressionen der Ausstellung

 

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Noch mehr Aufsehen erregten seine Werke. Prikker begann als sozial engagierter Realist im Stile Millets; dann kombinierte er Pointillismus mit Symbolismus. Seine «Braut» von 1892 ist ein erster Höhepunkt der Ausstellung: Eine Frauengestalt und der Gekreuzigte sind auf wenige Linien reduziert. Mehrere Farbschichten füllen die Flächen, als wären sie emailliert.   

 

Der christlichen Ikonographie blieb Prikker zeitlebens verpflichtet. Daneben frequentierte er radikale Zirkel, beschäftigte sich mit Theosophie und sehnte eine neue, spirituelle Ordnung herbei. Um die Jahrhundertwende illustrierte er anarchistische Schriften, batikte und gestaltete Stoffe und Möbel im Stile von Arts-and-Crafts – für ihn kein Widerspruch.

 

Hindu-Epos im Treppenhaus

 

Den ersten Großauftrag verschaffte ihm seine Bekanntschaft mit Henry van de Velde: Die von jenem geplante Villa «De Zeemeeuw» in Scheveningen dekorierte er mit einem Wandbild im Treppenhaus. Es zeigt Motive aus einem Hindu-Epos in Sgraffito und Stuckintarsien – Prikker erprobte gern aufwändige, für ihn neue Techniken.

 

1904 holte ihn Friedrich Deneken an die Kunstgewerbeschule in Krefeld, sechs Jahre später bewog Karl Ernst Osthaus ihn zum Umzug nach Hagen. Im deutschen Exil blühte der Niederländer auf. Er entwarf alles Mögliche: vom Design für Krawatten über Plakate bis zu Kunst am Bau. Der Durchbruch gelang ihm mit ersten Fenstern für Kirchen und den Hagener Bahnhof: Prikker wurde Spezialist für Monumental-Arbeiten im öffentlichen Raum.

Deren beste Beispiele hat das Museum im eigenen Haus. Das Gebäude-Ensemble um den Ehrenhof entstand 1926 für die Mammut-Ausstellung «Gesundheit, Soziale Fürsorge und Leibesübungen». Prikker stattete ein Treppenhaus mit riesigen Glasfenstern aus. Obwohl rein abstrakt gehalten, sind die Anklänge an Kirchenfenster offensichtlich – in einer säkularen Kathedrale des Fortschritts.

 

Außerdem füllte er zwei Eckpavillons mit abstrakten Mosaiken. Während «Der Tag» eine regelmäßig aufsteigende Struktur erkennen lässt, breiten sich in der «Nacht» polyzentrische Winkel und Zacken explosionsartig über die Fläche aus. Beide Mosaiken überstanden den Krieg unversehrt; die Glasfenster wurden 1985 rekonstruiert.

 

Prikker-Reiseführer an 19 Orte

 

Lange schenkte man ihnen wenig Beachtung. Sie waren einfach da; ihre Präsenz machte sie gleichsam unsichtbar. Gemäß einem Diktum von Robert Musil: Wenn ein großer Mann in Vergessenheit geraten solle, müsse man ihm nur an prominenter Stelle ein mächtiges Denkmal errichten. Umso eindrucksvoller erinnert diese Schau daran, was das Rheinland Prikker verdankt.

 

Insbesondere mit einem Büchlein für jeden Besucher: Es listet 19 Orte zwischen Köln und Amsterdam auf, an denen Prikker Gebäuden sein Gepräge verlieh. Wer nicht tagelang seinen Spuren folgen kann oder will, erhält bereits in der Ausstellung einen umfassenden Überblick.

 

Das Industrie-Zeitalter geistig überhöhen

 

Die nicht transportablen Werke werden in Kurzfilmen gezeigt – integriert in die 130 Exponate von teils beträchtlichen Ausmaßen. Sie zeigen die enorme Bandbreite von Prikkers Schaffen: Von Zeichnungen und Tafelbildern der 1890er Jahre über seine Versuche mit Batik und Kunstgewerbe bis zu monumentalen Wandmalereien des etablierten Staatskünstlers. Ein kapellenartig abgedunkelter Raum bringt seine Kirchenfenster prachtvoll zur Geltung.

 

Getreu dem Untertitel der Ausstellung wird Prikkers eigenwilliger Weg in die Moderne deutlich: Mit sozialrevolutionär inspirierter Ornamentik wollte er Schönheit unters Volk bringen. Seine religiöse Kunst, die er radikal auf Symbole und das Leiden Christi reduzierte, sollte das Christentum spirituell läutern. Und mit abstrakten Kompositionen, die sich aus beiden Quellen speisten, wollte er Zweckbauten des Industriezeitalters geistig überhöhen.

 

Prägend für Kirchen-Wiederaufbau nach 1945

 

Seine letzten Entwürfe beschränken sich auf rechtwinklige Linien und Flächen in kräftigen Farben. Das gemahnt an den geometrischen Dogmatismus von Mondrian und De Stijl – in deren Nähe wurde ihr Landsmann gesehen und ausgestellt. Nur bewegte sich Prikker nicht auf dem kanonischen Pfad von Kubismus und Expressionismus zur Abstraktion, sondern über Symbolismus und Jugendstil. Zwei Strömungen, die heute im Ruch stehen, das Fin-de-Siècle gefällig dekoriert zu haben.

 

Zu Unrecht, wie die Schau prägnant darstellt. Zumal Prikkers angewandte Kunst die Zwischenkriegszeit viel stärker prägte als die seiner kanonisierten Kollegen. Sie schlugen kunsttheoretische Schlachten, er staffierte die Lebenswelt aus. Mit weit reichenden Folgen für nach 1945 zerstörte Gotteshäuser: Viele Kirchenfenster aus der Zeit des Wiederaufbaus verdanken ihre Gestalt seinen Formfindungen.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 08.07.2011





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