Düsseldorf

Move – Kunst und Tanz seit den 60ern

Pablo Bronstein: Passeggiata, 2008 (Detail), Video on DVD; Foto: Haus der Kunst
Kunst als Körpertherapie: Die Kunstsammlungen NRW zeigen in «Move - Kunst und Tanz seit den 60ern» Werke aus 50 Jahren, die auf die menschliche Physis einwirken. Bei so vielen Mitmach-Angeboten wird die Frage zweitrangig, was man da eigentlich tut.

Eine Ausstellung als Erlebnispark: Der Besucher darf nicht nur die Exponate berühren – er soll und muss es sogar tun, damit er etwas davon hat. Interaktion wird im Internet-Zeitalter groß geschrieben; die Schau, die zuvor im Münchener Haus der Kunst zu sehen war, führt vor, dass die bildenden Künste das schon vor einem halben Jahrhundert taten.

 

Info

Move - Kunst und Tanz seit den 60ern

 

19.07.2011 - 25.09.2011
täglich außer montags 10 - 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr in den Kunstsammlungen NRW, K20, Grabbeplatz 5, Düsseldorf

 

Katalog 32 €

 

Weitere Informationen

Die marxistisch inspirierte Kritik am Warencharakter von Kunst hat die Moderne seit ihren Anfängen begleitet. Mitte der 1960er Jahre begannen Künstler, Werke zu schaffen, die man nicht mehr verkaufen, aufstellen oder an die Wand hängen konnte. Der Betrachter sollte die Rolle eines passiven Konsumenten ablegen und zum Mittäter werden.

 

Am Anfang dieser Mitmach-Kunst stehen Arbeiten wie Bruce Naumans «Green Corridor» von 1970: Zwei Stellwände bilden einen schmalen Durchgang, der von oben grellgrün beleutet wird. Quetscht sich der Besucher hindurch, empfindet er Enge und Desorientierung am eigenen Leib. Trisha Brown stellte Töpfe voller Wasser auf: Man sollte hineintreten oder sie mit einem Eiertanz umgehen.

 

Zur gleichen Zeit baute Robert Morris in Galerien Skulpturen-Parcours auf, die zum Ausprobieren einluden. Teil davon war ein Schaukelbrett, das auch in der Schau steht; darauf die Balance zu halten, ist knifflig. Franz Erhard Walther lieferte «Werksätze» aus Gurten mit Öffnungen. Zwei Personen sollten hineinschlüpfen, verharren und spüren, wie sie aufeinander angewiesen sind.


 

Solche Hilfsmittel gehören heute zum Standard-Repertoire der Körpertherapie; jeder Klinik-Patient kennt sie. Vor 50 Jahren waren sie neu – und wurden in der von Disziplinierung und Affekt-Kontrolle geprägten Nachkriegs-Gesellschaft womöglich als außergewöhnliche Kunstwerke wahrgenommen.

 

Hula Hoop auf den Dächern von New York

 

Das Befreiungs-Pathos, mit dem sie präsentiert wurden, hat sich nicht verflüchtigt. Choreografen und andere Vertreter darstellender Künste betonen, unsere Körperwahrnehmung sei weiterhin unterentwickelt. Abhilfe verspricht William Forsythe mit seiner Installation «The Fact of Matter»: 200 Ringe hängen in unterschiedlicher Höhe über dem Boden. Wer hier durchkommen will, braucht die Biegsamkeit eines Schlangenmenschen und die Fitness eines Triathleten.

 

Schlichter gestrickt ist die Installation von Christian Jankowski: Er schlägt vor, Hula Hoop zu tanzen. Reifen dafür lehnen an der Wand – wie es geht, zeigt ein Video mit gelenkigen Schönheiten, die auf den Dächern von New York ihre Hüften kreisen lassen. Und der Choreograf La Ribot macht es dem Besucher ganz einfach: Er braucht nur einen der bereit gestellten Klappstühle nehmen und sich irgendwo hinsetzen – schon gehört er zum Kunstwerk «Walk the chair».

 

Wer lieber beobachten will, wie andere sich produzieren, wird ebenfalls bedient. Mike Kelley hat eine Art überdimensionales Spielzimmer mit Objekten eingerichtet, die aus der Verhaltensforschung mit Primaten stammen. Zwei Akteure streicheln oder schlagen sich mit ihnen herum, zwei weitere machen sich zum Affen. Für Liebhaber von Alltags-Voyeurismus à la «Big Brother» ein herrlicher Spaß.

 

Pausenlose Performance während der Öffnungszeit

 

Ernsthafter geht es bei Tino Sehgal zu. Er lässt einen Tänzer sich in Zeitlupe auf dem Boden bewegen – möglichst langsam, damit er einer lebenden Skulptur ähnelt. Um klarzustellen, dass es sich um ein Kunstwerk handelt, schreibt Sehgal jedem Ausstellungsort vor, dass die Performance während der Öffnungszeiten pausenlos aufgeführt werden muss. Ob andernfalls eine Vertragsstrafe fällig wird, erfährt der Besucher nicht.

 

Solch Ausführungsbestimmungen verleihen derartiger Konzept-Kunst eine Strenge, mit der sie der Beliebigkeit entgehen will. Das unterscheidet sie von Kletterwänden, Trimm-Dich-Pfaden und anderen Attraktionen in Freizeitparks: Dort kann jeder mitmachen, wie und solange er will – oder es bleiben lassen. Die Kunst kommt aber ohne ein rigides Regelwerk nicht aus.

 

Copyright auf Schrittfolgen

 

Wie der Tanz, in welchen Bewegungsabläufen auch immer: Ohne zuvor festgelegte Choreografie geht es nicht. Das zeigt die Mammut-Installation «Widow Simone» von João Penalva: Ronald Emblen tanzt diese Rolle seit mehr als 20 Jahren in dem Ballett «La fille mal gardée».

 

Doch er darf seine Schrittfolge nicht weitergeben – das Copyright dafür liegt beim Choreografen. Das Urheberrecht schützt die geistige Leistung, nicht die Ausführung; auch ein Musiker hat keine rechtlichen Ansprüche auf die Melodien, die er spielt.

 

Mehr Körper-Aktivierung als Tanz

 

Damit macht die Ausstellung deutlich: Wenn sich Künstler Tanz-Elemente aneignen, bleibt von Tanz im landläufigen Sinne wenig übrig. Es geht ihnen mehr um Körper-Aktivierung im Kontext von Diskursen innerhalb der bildenden Künste – um Entgrenzung, Verflüssigung und Partizipation. Insofern ist der Ausstellungs-Titel «Kunst und Tanz» ein kleiner Etikettenschwindel. Aber «Kunst und Körper-Koordination» klingt nicht so gut.


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