Bietigheim-Bissingen

POWER UP – Female Pop Art

Dorothy Iannone: The Next Great Moment in History is Ours, 1970; Foto: Courtesy Air de Paris, Paris © Dorothy Iannone

Lesben-Kuss im Autoreifen: Pop Art wurde von Männern dominiert, aber einige Frauen mischten kräftig mit. An sie erinnert «Power up – Female Pop Art» in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen – mit großen Unterschieden in Stil und Qualität.

Am Eingang dröhnt «Push it», der größte Hit des Frauen-Rap-Trios «Salt`N´Pepa». Salt, Pepa und Spinderella galten Ende der 1980er Jahre als Vorbotinnen des Endes männlicher Dominanz im Hip-Hop, aber was ist daraus geworden? Ähnlich erging es den neun Künstlerinnen, die hier gezeigt werden: «Power up – Female Pop Art» ist ein Rehabilitations-Versuch, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.

 

Info

POWER UP – Female Pop Art

 

23.07.2011 – 09.10.2011
täglich außer montags 14-18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr in der Städtischen Galerie,
Hauptstraße 60 – 64, Bietigheim-Bissingen

 

Katalog 29,95 €

 

Weitere Informationen

Zwar behauptet Angela Stief, Kuratorin der ersten Station der Schau in Wien, sie wolle keinen Feminismus avant la lettre konstruieren, doch sie ist ziemlich nah dran. Gezielt hat sie Werke ausgewählt, die Geschlechterkampf und Rollenverständnis thematisieren, und anderes beiseite gelassen: Männliche Pop-Artisten seien dem Glanz der Warenwelt erlegen, weibliche hätten sich um die Menschen gekümmert, so ihre These.

 

Papa von Saint Phalle ist Päderast

 

Von Niki de Saint Phalle sind weder drall-drollige «Nanas» noch kitschige Märchen-Landschaften zu sehen. Dagegen aggressive «Tirs», bei denen die Künstlerin auf mit Farbbeuteln gespickte Reliefs schoss, und ihr selbst produzierter Film «Daddy» von 1972: Darin entlarvt sie in Chabrol-Manier ihren Vater als Päderasten.

 

Um 1970 war Sex längst kunstfähig, aber weniger als Medium der Gewalt als vielmehr der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Diese utopischen Erlösungshoffnungen hat niemand je verheißungsvoller bebildert als Evelyne Axell. Die früh verstorbene Belgierin experimentierte ab Mitte der 1960er mit Materialien wie Email auf Plexiglas und Polyester.

 

Orgasmen als Allheilmittel

 

Ihr gelangen traumhaft schöne Bilderfindungen wie «Erotomobile»: Ein lesbischer Kuss im Fokus des Autoreifens – prägnant wie ein Piktogramm. Oder «Grande sortie dans l´espace», eine Paraphrase von Matisses «La danse»: ein ultimativ lustvoller Reigen in den Kosmos.

 

Am anderen Ende der Qualitäts-Skala haust Dorothy Iannone: Als sie 1967 den Fluxus-Künstler Dieter Roth traf, war es um sie geschehen. Ihr Liebesspiel kritzelte sie in 1001 Positionen nieder, stets mit mächtig schwellenden Geschlechtsteilen und Parolen verziert. Die Naivität, Orgasmen als Allheilmittel auszugeben, wurde nie ungefilterter zu Papier gebracht als von der selbst ernannten «Liebesgöttin».

 

Heiliger Zorn von Sister Corita

 

Doch die Pop-Artistinnen hatten nicht nur das Eine im Kopf. Kiki Kogelnik aus Graz wollte auch berühmt werden. Sie emigrierte schon 1962 nach New York und mutierte dort zum glamour girl, das mit silberner Perücke und Zebrafell-Kleid auf keiner Party fehlen durfte. Angesagt war auch ihr radical chic, wenn sie hipster in Armee-Kluft porträtierte oder ihre Umrisse aus Vinyl ausschnitt und über Kleiderbügel hängte.

 

Von heiligem Zorn gegen den Vietnam-Krieg beseelt war dagegen Sister Corita: Die Ordensschwester engagierte sich in der Bürgerrechts-Bewegung, indem sie Polit-Slogans massenhaft als Siebdrucke verbreitete. Nicht ohne typografischen Reiz, gehören diese Poster doch eher zur Geschichte des Agit-Prop als in eine Pop-Art-Retrospektive.

 

«Sgt. Pepper»-Entwurf macht Mann bekannt, Frau nicht

 

Subtiler griffen Rosalyn Drexler und Jann Haworth zeitgenössische Themen auf. Drexlers Cutouts von Zeitungsfotos, die sie bis auf das zentrale Motiv übermalt, vermitteln bis heute eine ambivalent bedrohliche Atmosphäre. Haworth verfremdet populäre Figuren als soft sculptures: Die lebensgroßen, ausgestopften und vernähten Puppen changieren zwischen Riesen-Spielzeug und ironischer Idolatrie. Berühmt wurde das Cover des Beatles-Album «Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band», das sie mit ihrem Mann Peter Blake 1967 entwarf – Blake wurde damit bekannt, sie nicht.

 

Spielzeug füllt auch die Leinwände von Christa Dichgans: Die Berlinerin pinselt Berge von Teddybären und Gummienten. Wer mag, darf darin ein Memento für Konsumterror und Wegwerfgesellschaft sehen – oder es einfach für Kinderkram halten. Dieser Verdacht käme bei den kryptischen Skulpturen von Marisol niemals auf. Die Venezolanerin kombiniert die flächige Ästhetik präkolumbischer Kunst mit dem Totemismus von Schaufensterpuppen – eine verstörende Kombination.

 

Panoptikum als Vorbote der Postmoderne

 

Neun Künstlerinnen von weltbekannt bis unbedeutend, die kaum mehr verbindet, als zwischen 1965 und 1975 figurativ gearbeitet zu haben. Eine auf einen Nenner zu bringende Gruppe, gar eine «protofeministische» Unterströmung der Pop Art, bilden sie nicht. Aber ein hoch interessantes Panoptikum, dessen stilistische Vielfalt wie ein Vorbote der Postmoderne wirkt.


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