Kassel

Produced by Migros

Maurizio Cattelan: La Rivoluzione Siamo Noi (Detail), Polyesterwachsfigur, Filzanzug, Metallgarderobe, 2000; Foto: ohe

Die Kollektion der Handels-Kette: Das Fridericianum zeigt eine Auswahl aus dem migros museum für gegenwartskunst. Ein gemischtes Sortiment wie im schweizerischen Supermarkt – von Pretiosen bis Ramsch.

Jeder Schweiz-Besucher kennt die Migros: Der größte Einzelhändler des Landes hat eine nahezu marktbeherrschende Stellung. Seine Eigenmarken versorgen die Eidgenossen mit allem, was man zum Leben braucht – von Streichhölzern bis zur Urlaubsreise.

 

Info

Produced by Migros

Sammlung migros museum für gegenwartskunst

 

25.06.2011 – 11.09.2011

mittwochs bis sonntags 11-18 Uhr in der Kunsthalle Fridericianum, Friedrichsplatz 18, Kassel

 

Weitere Informationen

Im Vergleich zu anderen Monster-Ketten wie Wal-Mart oder AldiLidlRewe ist die Migros ein gutmütiger Riese: Als Genossenschaft legt sie Wert auf gute Qualität und soziales Engagement. Ein Prozent des Jahresumsatzes gibt die Migros für gemeinnützige und kulturelle Zwecke aus.

 

Seit den 1970er Jahren sammelt sie zeitgenössische Kunst; dafür eröffnete sie 1996 ein Museum in Zürich. Ankäufe für die Kollektion verantwortete damals Rein Wolfs – inzwischen ist er Leiter des Fridericianums. Dort zeigt er nun eine Auswahl aus der Migros-Sammlung; quasi ein Heimspiel für den Niederländer.

 

Interview mit Rein Wolfs, Leiter des Fridericianums

 



 

Seinerzeit seien viele Neuerwerbungen eigens für Ausstellungen im Museum produziert worden, betont Wolfs; es sei schwierig, sie zu transportieren und neu zu inszenieren. Sperrige und raumgreifende Installationen ergänzt er daher um Arbeiten in herkömmlichen Medien: Malerei, Fotografie und Skulptur.

 

Kassenschlager neben Ladenhütern

 

Als bunter Gemischtwarenladen passt diese Musterschau perfekt zu ihrem Eigentümer. Viele Namen und Ansätze sind vertreten, die in den letzten 20 Geschäftsjahren gut liefen. Wie im Supermarkt grenzt dabei Wesensfremdes direkt aneinander, und künstlerische Kassenschlager finden sich neben Ladenhütern.

 

Als einziger greift Jens Haaning die Wirtschaftswelt auf: Seine Fotoserie porträtiert zwölf Migranten – mit Preisangaben ihrer Kleidung wie in Modemagazinen. Ansonsten bleiben Ökonomie und Politik fast ausgespart. Bis auf «The Bomb»: Visionär hat Costa Vece 1999 ein Feldlager-Zelt mit blinkender Low-Tech vollgestopft – zwei Jahre vor dem 11. September und Bora-Bora.

 

Impressionen der Ausstellung

 



 

Die meisten Werke widmen sich üblichen Kunst-Diskursen oder dokumentieren Alltägliches. Andrea Bullock simuliert Berliner Club-Leben mit Sitzsäcken samt Techno-Kopfhörern. Douglas Gordon zeigt alte Rockkonzerte auf Videos in Zeitlupe, Christoph Büchel einen George W. Bush, der als Präsident sein Amtszimmer erklärt. Solche Arbeiten behandeln den Betrachter gouvernantenhaft, als habe er keine Ahnung von der Außenwelt.

 

In diesem Sortiment von Pretiosen bis Ramsch fehlt nur der lokale Bezug: Diese Kollektion hätte überall in der westlichen Welt entstehen können. Einen Hauch von swissness verleiht ihr allein Olaf Nicolai: Er hat ein abstraktes Bild des Schweizers Max Bill in eine dreidimensionale, begehbare Installation übertragen. Konkrete Kunst als Wohnlandschaft mit hohem Gebrauchswert – das hätte Migros-Gründer Gottfried Duttweiler gewiss gefallen.


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