München

Ai Weiwei: art, dissidence and resistance

Ankündigungsplakat zur Debatte; Foto: ohe
Hundert Millionen Blumen folgen Mao: Die Inhaftierung von Ai Weiwei wird im Westen als brutale Unterdrückung eines aufrechten Dissidenten verstanden. Doch Chinesen sehen das ganz anders, enthüllte eine Debatte im Münchener Haus der Kunst.

David gegen Goliath, Dissident gegen Diktatur: der Fall Ai Weiwei scheint eindeutig zu sein. Ein berühmter Künstler und Regimekritiker wird ohne offizielle Begründung  81 Tage inhaftiert und anschließend in Peking unter Hausarrest gestellt. Sein Zugang zu den Medien bleibt stark beschnitten. Dagegen protestieren Verteidiger der Menschenrechte weltweit.

 

Aus chinesischer Sicht ist die Affäre vielschichtiger, betonten die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion am Mittwoch. Dem Haus der Kunst, das 2009 eine Ai-Werkschau zeigte, darf man danken, dass es die während seiner Haft angesetzte Debatte nach der Freilassung nicht abgesagt hat: Aus der Solidaritätsbekundung wurde ein Forum der Reflexion über das Verhältnis von Geist und Macht unter KP-Herrschaft.

 

Ist Ai eher Künstler sozialkritischer Werke oder vielmehr Regimekritiker, der zu künstlerischen Mitteln greift? Letzteres, versichert Gao Minglu von der Universität Pittsburgh, der US-Ausstellungen über chinesische Gegenwartskunst kuratiert. Ai sei in China weit weniger bekannt als im Westen; seine Festnahme habe kaum Aufsehen erregt.

 

Statement von Gao Minglu, Kurator, Universität Pittsburgh

 



 

Als Künstler neige Ai zur gleichen Gigantomanie des Sozialismus wie die Machthaber, stellte Gao fest. Etwa mit 100 Millionen Sonnenblumenkernen aus Porzellan, die in chinesischen Werkstätten handgefertigt wurden, um sie in der Tate Modern auszustellen: Sie kommentierten die Produktionsbedingungen in China und kopierten sie – bedenkenlos nutze Ai billige Arbeitskräfte.

 

«Ikone für Projektionen aller Art»

 

Ähnliche Einwände hegte Hou Hanru, Leiter des San Francisco Art Institute: Mit dem Geld des Wirtschaftsbooms habe Chinas Kunstmarkt die heimische Avantgarde-Kunst binnen weniger Jahre in einen Teil der Unterhaltungs-Branche verwandelt. Dabei stilisiere sich Ai mit spektakulären Aktionen zum Demokratie-Vorkämpfer – obwohl er Privilegien genieße und offizielle Aufträge erhalte. Diese «Ikone für Projektionen aller Art» wolle die Regierung nun zerschlagen, so Hou: Unter solchen Umständen sei ein simples Täter-Opfer-Schema unsinnig.

 

Dagegen hielt der Journalist Shi Ming, Ex-Mitarbeiter der Deutschen Welle, Ais Qualitäten als Künstler hoch: Die Symbolik der Sonnenblumenkerne-Installation erschließe sich Rotchinesen sofort. Die politische Lyrik der Kulturrevolution habe sie mit Blumen verglichen, deren Köpfe dem Lauf der Sonne Mao folgten. Doch Ais Kerne seien aus Keramik – ihre enorme Masse somit steril, folgerte Shi.

 

Blog mit 10 Millionen Lesern

 

Mit solchen Groß-Metaphern fülle Ai die ideologische Leerstelle, welche die Aushöhlung des Sozialismus hinterlasse. Zwar berufe sich die Partei auf Werte der Aufklärung, handele aber erratisch und bemühe sich nicht einmal, Widersprüche zu kaschieren, warf ihr Shi vor: Ihr nationalistischer Materialismus reiche nicht aus, um wachsende soziale Spannungen zu befrieden. In diesem Klima der Konfusion biete Ai ein Ventil, indem er offensichtliche Missstände geißele, schloss Shi: Seinen Blog hätten 10 Millionen Landsleute verfolgt.

 

Umgerechnet auf Deutschland wären das 400.000 Leser; davon können hiesige Blogger nur träumen. Allerdings ist Ais Doppelrolle als Künstler und Systemkritiker nicht so einzigartig, dass sie für westliche Beobachter unbegreiflich wäre. Sie hat historische Vorbilder in den  Dissidenten, die bis 1989 im ehemaligen Ostblock agierten.


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