München

Ai Weiwei: art, dissidence and resistance

Ai Weiwei 2007 vor seinem Werk "Template" auf der documenta 12; Foto: Oxxo/Wikipedia

Wobei die Differenzen größer sind, als der geringe Zeitabstand von zwei Jahrzehnten vermuten ließe. Damals erreichte kein Oppositioneller eine derart große Leserschaft: Im Samisdat wurden Texte meist nur wenige Hundert Mal vervielfältigt. Das Publikum inoffizieller Kunst blieb auf kleine Zirkel beschränkt. Intelligenzija-Vordenker waren durchweg Schriftsteller oder Wissenschaftler, also Männer des Wortes. Sie begnügten sich  nicht mit Kritik an Symptomen: Dem Monopolanspruch der Macht auf Welterklärung setzten sie ausgefeilte Alternativ-Modelle entgegen.

 

Statement von Shi Ming, freier Journalist,  zuvor Deutsche Welle

 

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Am stärksten unterscheidet Ai von ihnen jedoch seine Zwitterstellung: Einerseits ist er militanter Regimekritiker, andererseits arbeitet er mit staatlichen Stellen zusammen. Das gab es im früheren Ostblock nicht: Man war entweder innerhalb des Systems oder außerhalb. Man konnte zu seiner Elite gehören und allmählich die Seiten wechseln: Wie Andrej Sacharow, der vom wichtigsten Ingenieur der sowjetischen Atomrüstung zu ihrem kundigsten Kritiker wurde. Aber wer Staat und Partei die Legitimation absprach, hatte die Grenze überschritten. Sie wurde mit Haft oder Ausweisung territorial markiert.

 

Masterplan für die mongolische Steppe

 

Ai hat hingegen als Architekt noch in jüngster Zeit öffentliche Großprojekte realisiert – derzeit sind sie in Bregenz zu sehen. Am prominentesten ist das Olympia-Stadion in Peking, das er mit Herzog & de Meuron gestaltete; ab 2003 plante er mit dem Schweizer-Duo einen ganzen Stadtteil in Jindong. 2008 lud er 100 Architekturbüros aus aller Welt ein, Entwürfe für eine neue Siedlung in der mongolischen Steppe zu liefern, deren Masterplan er entworfen hatte.

 

Unklar bleibt, ob er mit dieser Städteplanung beauftragt wurde und welche Realisierungschancen sie hat. Dennoch wirkt Ai tatkräftig an der Turbo-Modernisierung mit, deren Auswüchse er vehement kritisiert: «In der übrigen Welt wird heutzutage viel nachgedacht und wenig gebaut. In China wird viel gebaut und wenig nachgedacht; das will ich ändern.» Mit vorbildlicher Praxis: Diese Macher-Attitüde fehlte klassischen Sowjet-Dissidenten.

 

Systemfrage wird nicht gestellt

 

Indessen findet man sie bei erfolgreichen Großunternehmern in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ob Michail Chodorkowski in Russland, Muhammad Yunus in Bangladesch oder Afrikas Mobilfunk-König Mo Ibrahim: Alle scheren sich nicht um Theorien und wollen mit guten Beispielen vorangehen. Ihre Kritik entzündet sich am Fehlen von good governance, also staatlichen Dienstleistungen wie funktionierender Infrastruktur, Rechtssicherheit, Gesundheits- und Bildungssystem.

 

Als Großunternehmer des Kunstbetriebs tritt auch Ai auf: Sein im Januar abgerissenes Atelier hatte die Ausmaße einer Lagerhalle. In diesem Geist geißelt er in seinem soeben als Buch veröffentlichten Blog Misswirtschaft und Korruption, Polizei- und Justizwillkür, Ausbeutung und Arroganz der Macht. Ai verlangt bessere Lebensbedingungen für seine Mitbürger, die ohne basale bürgerliche Freiheiten nicht zu haben sind; die Systemfrage stellt er nicht. Ein Dissident der Epoche nach dem Ende der Ideologien.

 

Inoffizielles Gesicht der Volksrepublik

 

Gewiss sind die Bürokraten, die ihn einbuchten und mundtot machen, andere als jene, die ihm Staatsaufträge verschafften. Doch wäre möglich, dass diese Fraktion in absehbarer Zeit bei parteiinternen Machtkämpfen die Oberhand gewinnt und Ai abermals ihr Protegé wird – diesmal als Agent einer menschenfreundlichen Modernisierung. Die Inhaftierung hat ihn populärer gemacht als seine gesamte Kunst: Als inoffizielles Gesicht der Volksrepublik für die Weltöffentlichkeit wäre er quasi unantastbar. Keiner sollte ihm dann Verrat an seinen Idealen vorwerfen.


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