Veit Helmer

Baikonur

Iskander erklärt der von Amnesie geplagten Julie, woher sie kommt; Foto: X-Verleih

(Kinostart: 1.9.) Culture Clash beim Rückflug zur Erde: Eine schöne Kosmonautin landet in den Armen eines kasachischen Dorfjungen. Das aberwitzige Raumfahrt-Märchen aus dem russischen Weltraum-Bahnhof sprüht vor brillantem Raketen-Schrott.

Davor hat die schräge New-Wave-Combo Devo bereits 1978 mit ihrem visionären Song «Space Junk» gewarnt: Tausende Tonnen von Raumfahrt-Schrott kreisen im All und drohen, auf die Erde herabzustürzen. Das passiert in der kasachischen Steppe ständig: Nach jedem Raketenstart auf dem Weltraumbahnhof Baikonur prasseln abgeworfene Zündstufen zu Boden.

 

Info

Baikonur

 

Regie: Veit Helmer, Deutschland/ Russland/ Kasachstan 2010, 94 min.;
mit: Alexander Asochakov, Marie de Villepin, Sitora Farmonova

 

Offizielle Website

Davon leben die Bewohner eines kleinen Dorfes: Sie sammeln den Schrott ein, verkaufen ihn als Altmetall oder bessern damit ihre Jurten aus. Wo die Teile landen werden, sagt ihnen der junge Iskander, von allen nur Gagarin genannt: Er hört die Funksprüche von Baikonur ab und berechnet danach die Aufschlagstellen.

 

Weltraum-Touristin leidet an Amnesie

 

Eines Tages findet Iskander unverhofft eine Raketen-Kapsel – und darin bewusstlose die Weltraum-Touristin Julie Mahé. Iskander trägt die Schöne in seine Jurte und will sie wach küssen; mit Erfolg. Julie leidet unter Amnesie und lässt sich einreden, sie sei Iskanders Verlobte. Doch in der ersten Liebesnacht gewinnt sie ihr Gedächtnis wieder und flieht nach Baikonur.


Offizieller Film-Trailer


 

Regisseur arbeitet gern in Absurdistan

 

Dort ergattert Iskander einen Job: Indem er den Roskosmos-Chef damit erpresst, die wahren Umstände von Julies Rettung zu enthüllen. Beim Schwerelosigkeits-Training im Flugsimulator schlägt sich der Nachwuchs-Gagarin prächtig. Doch bald erkennt er: Sein Platz ist im Dorf an der Seite der ungezähmten Nazira, die ihn seit langem heimlich liebt.

 

Regisseur Veit Helmer ist berühmt-berüchtigt für skurrile Stoffe und entlegene Schauplätze: Sein Debüt «Tuvalu» drehte er als Fast-Stummfilm in Schwarzweiß und ließ ihn auf koloriertes Zelluloid umkopieren. Für «Absurdistan» von 2008 machte er in 18 Ländern Probeaufnahmen von 2000 Darstellern; gedreht wurde in einem aserbaidschanischen Nest ohne Strom- und Wasseranschluss.

 

Abgedrehtes  Space-Steppen-Märchen

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Mit «Baikonur» hat Helmer endlich die Balance zwischen seiner Liebe zum Abseitigen und den Anforderungen an publikumswirksames Kino gefunden: Der russische Weltraum-Bahnhof, der noch nie in einem Spielfilm zu sehen war, ist atemberaubend spektakulär. Da sieht man der krausen Handlung manch dramaturgische Brüche und schale Witze gerne nach.

 

Laut Produktionsnotizen waren die Dreharbeiten ein einziges Abenteuer; das «Making of» dürfte noch aberwitziger sein als der Film selbst. Der lohnt allein schon wegen der Szenen mit abstürzenden Raketen-Teilen: Special Effects aus Hollywoods High-Tech-Laboren sind nichts dagegen. Dass dieses abgedrehte Space-Steppen-Märchen mit einem angeklebten Happy End aufhört, tut dem Höhenflug keinen Abbruch: Turn on, tune in, freak out!


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