München

Die Weisheit baut sich ein Haus

Herzog & de Meuron: BTU Cottbus, Eingangsbereich, 2005, Foto: Martin Rattke, BTU Cottbus

Von Tempeln für Schriftrollen zu biomorphen Mediatheken: Eine Ausstellung in der Münchener Pinakothek der Moderne zeigt anschaulich die Geschichte der Bibliotheks-Architektur – als Augenschmaus für Bücher-Liebhaber.

Und die Bibel hat doch Recht: «Die Weisheit baut sich ein Haus» – kann es eine schönere Definition der Bibliothek geben? Sie findet sich im Alten Testament in den Sprüchen Salomos; dabei waren zu dieser Zeit kaum Häuser notwendig, um Geistes-Schätze aufzubewahren.

 

Info

Die Weisheit baut sich ein Haus – Architektur und Geschichte von Bibliotheken

 

14.07.2011 – 16.10.2011

täglich außer montags 10 – 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr in der Pinakothek der Moderne, München

 

Katalog 35 €, im Buchhandel 49,95 €

 

Weitere Informationen

Die ersten Bibliotheken waren Anbauten zu Tempeln im alten Ägypten; in ihnen lagerten Schriftrollen auf wenigen Quadratmetern. Auch die berühmte Bibliothek von Alexandria, die größte der Antike, enthielt nur von Hand beschriebene Pergamente. Ähnliche Bauten kannten auch die Hochkulturen in China, Indien und Lateinamerika, doch ihr Bestand an Schriften war nach heutigen Maßstäben sehr klein.

 

Alphabet als Ordnungsprinzip

 

Mit Erfindung des Buchdrucks explodierte die Zahl der Publikationen – nun wurde die Bibliothek zur eigenständigen Bauaufgabe. Deren Geschichte zeigt das Architekturmuseum der TU München in den Räumen der Pinakothek der Moderne anhand von Plänen, Fotos und Modellen mustergültig geordnet. Das entspricht dem Gegenstand der Schau: Bibliotheken dienen dazu, die Fülle des Wissens zu ordnen und leicht zugänglich zu machen.

 

Eine Sammlung von 50.000 Büchern sei ebenso wenig eine Bibliothek wie 30.000 Mann eine Armee, bemerkte 1627 der französische Gelehrte Gabriel Naudé. Deren Systematisierung ist der erste Teil der Schau gewidmet: mit bibliophilen Raritäten aus der Stiftung Werner Oechslin im schweizerischen Einsiedeln. Dass die Anordnung der Buchstaben im Alphabet und der Wörter im Lexikon gleichsam das Ordnungsprinzip für Bibliotheken vorgibt, wurde schon früh erkannt.



 

Eine der ersten neuzeitlichen Bibliotheken entwarf Michelangelo Anfang des 16. Jahrhunderts in Florenz: Die Laurenziana ähnelt mit axialer Ausrichtung und den parallel angeordneten Lesebänken einem Kirchenschiff. Bald bildeten sich Saal- und Zentralbauten als wichtigste Bibliothekstypen heraus. Wie die von Karl Friedrich Schinkel 1835 geplante «Königliche Bibliothek»: Sie wurde nie gebaut, setzte aber mit ihrer rigiden Rasterung Maßstäbe.

 

Intro- und extrovertierte Bibliotheken

 

Andere Bibliotheken – insbesondere Freihand-Bibliotheken, in denen alle Benutzer auf jedes Werk zugreifen können – betonten vor allem den Lesesaal als demokratischen Gemeinschafts-Raum, in dem alle Wege zusammenlaufen: etwa die 1927 eröffnete Stockholmer Stadtbücherei von Gunnar Asplund. Daran hat sich wenig geändert; mittlerweile unterscheidet man noch «introvertierte» von «extrovertierten» Bibliotheken.

 

Die introvertierten schirmen sich nach außen ab und bieten geschützte Räume der Konzentration – so etwa die neue Bibliothek von Alexandria, die 2002 fertig gestellte wurde. Die extrovertierten öffnen sich der Umgebung, laden zum Flanieren und Stöbern ein: Nach diesem Muster werden heutzutage viele Mediatheken angelegt. Sie bieten neben Büchern auch andere Datenträger und Zugang zu virtuellen Informationen.

 

Nirgendwo das gesamte Weltwissen

 

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Eine Bibliothek macht Geschichte” über 350 Jahre Staatsbibliothek zu Berlin im Deutschen Historischen Museum, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung von SANAA Tokio – Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa im Aedes Architekturforum Berlin.

Doch keine Bibliothek beherbergt das gesamte Wissen der Menschheit. Obwohl manche Architekten davon träumten: Ètienne-Louis Boullée entwarf 1785 dafür ein riesiges Tonnengewölbe, dessen Konstruktion nicht ausführbar war. Iwan Leonidow wollte 1927 alle Bücher der Welt in den Turm seines «Lenin-Instituts» sperren: Wie aus vielen Sowjet-Großprojekten wurde auch daraus nichts. Ebenso wenig aus dem «Mundaneum» in Genf, das zwei belgische Juristen 1928 bei Le Corbusier bestellten: Es blieb bei grandiosen Plänen.

 

Dennoch sind in den letzten Jahrzehnten mehr Bibliotheken gebaut worden als je zuvor. Mit den düster-strengen Kathedralen der Lektüre von einst haben sie jedoch wenig gemeinsam. Herzog & de Meuron für Cottbus und SANAA für Lausanne haben biomorphe, von Licht durchflutete Gebilde entworfen, die Nutzern ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich machen sollen. Damit auch die Generation Internet gerne zum guten Buch greift.


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