Simonsson + Stjärne Nilsson

Sound of Noise – Die Musik-Terroristen

Das böse Wort Börsenkrach gewinnt eine ganz neue Bedeutung: Die Musik-Terroristen suchen eine Bank-Filiale heim; Foto: Tiberius Film

(Kinostart: 11.8.) Einstürzende Neubauten unplugged: Sechs Schlagzeuger legen mit innovativen Gastauftritten eine Großstadt lahm. Nur die Umbaupausen, auch Rahmenhandlung genannt, ziehen sich arg lang hin.

Anstelle obskurer Neo-Tempelritter hätte sich Anders Behring Breivik besser dieser Terror-Truppe angeschlossen: Sechs Industrial Musicians blasen ihrer Muzak-verseuchten Umwelt den Marsch und bringen mit überfallartigen Gastspielen die Verhältnisse zum Tanzen. Ihr Motiv: beleidigte Künstler-Ehre.

 

Info

Sound of Noise –
Die Musik-Terroristen

 

Regie: Ola Simonsson + Johannes Stjärne Nilsson, Schweden 2010, 102 min.;
mit: Sanna Halapi, Bengt Nilsson, Magnus Börjeson

 

Weitere Informationen

Sanna und Myran flogen von der Musikakademie, weil sie Konzerte mit Klavierdeckeln und Sprinkleranlagen gaben. Magnus stört sich an Polizeisirenen, wenn er sein Solo im fahrenden Kleintransporter probt. Bei Marcus fliegen alle Sicherungen raus, sobald er seine 100.000-Volt-Anlage hochfährt. Johannes fristet ein klägliches Dasein in einer Tanztee-Combo. Und Anders ist bei den Symphonikern unausgelastet: Er hat jeden Abend nur einen Einsatz.

 

Slide-Guitar unter Hochspannung

 

Aus Rache führt das Sextett eine «Music for one city and six drummers» in vier Sätzen auf. Mit einprägsamen Titeln wie «Doctor, Doctor, gimme some gas (in the ass)»: Das Stück wird auf dem Bauch eines mit Helium aufgepumpten Klinik-Patienten gespielt. Oder «Money 4 U Honey» in einer Bank-Filiale: Zum Takt von PC-Tastatur und Registrierkasse setzen raschelnde Geldscheine, die im Aktenvernichter zerschnipselt werden, akustische Akzente. Höhepunkt ist «Electric Love»: Slide-Gitarre auf Hochspannungsleitungen, mit und ohne Stromausfall. Vorher hat die Band noch die halbe Philharmonie in Trümmer gelegt.

 

Offizieller Video-Trailer

 



 

Allerdings sind die grandiosen Jam Sessions nicht abendfüllend. Als Conferencier springt während der Umbaupausen Polizei-Kommissar Amadeus Warnebring ein. Er verfolgt die Terroristen mit absolutem Gehör: Alles, was sie berührt haben, bleibt für ihn mucksmäuschenstill. So macht er sie dingfest und verdonnert sie zur Höchststrafe: als Unterhaltungs-Kapelle Cha Chas in Ferien-Clubs spielen. Das ist schlimmer als lebenslänglich.

 

Extended Version eines Kurzfilms

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Sehen Sie hier den Kurzfilm „Music for One Apartment and Six Drummers“ auf Youtube.

Den Regisseuren Ola Simonsson und Johannes Stjärne Nilsson gelang mit dem Kurzfilm «Music for one apartment and six drummers» ein Überraschungshit: Er lief 2001 im Wettbewerb von Cannes und ist ein Evergreen auf Youtube. Mit «Sound of Noise» legen sie quasi eine Extended Version vor. Wie viele Remakes krankt auch dieses daran, dass es die Vorlage noch einmal aufkocht.

 

Die Rahmenhandlung um den Melodien hassenden Polizisten ist eine recht bemühte Parodie auf Schweden-Krimis; ihre Gags zünden ähnlich langsam wie bei «Leningrad Cowboys Go America» von Aki Kaurismäki. Allerdings sind Musiker selten für ihr komisches Talent bekannt. Sie sollen ihren Instrumenten faszinierende Klänge entlocken. Das gelingt den sechs Hardcore-Drummern, indem sie die ganze Stadt zum Scheppern bringen: mit Rhythmus, bei dem jeder mit muss.


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