Potsdam

XVIII. Rohkunstbau: Macht

Mariele Neudecker: Zwei Landschaftsaquarien, 2011; Courtesy Galerie Barbara Thumm, Berlin; Foto: Rohkunstbau/ Roland Horn

Die 18. Skulpturen-Sommerschau verknüpft abermals ein hochtrabendes Motto mit Auftragsarbeiten. Sie nutzen geschickt den repräsentativen Rahmen von Schloss Marquardt – samt Park und Badestelle.

Seit 1994 installiert das Rohkunstbau-Festival alljährlich ortsbezogene Werke zeitgenössischer Künstler in einem Schloss des Bundeslands – zunächst in Groß Leuthen, dann in Sacrow, mittlerweile in Marquardt bei Potsdam. Anfangs wurde die Sommerschau als Pioniertat gefeiert: Gegenwartskunst in der brandenburgischen Provinz war rar.

 

Info

XVIII. Rohkunstbau – Macht

 

01.07.2011 – 11.09.2011
freitags 14 – 19 Uhr,  samstags und sonntags 12 – 19 Uhr im
Schloss Marquardt, Hauptstr. 14, Potsdam-Marquardt

Website zur Ausstellung

Das hat sich geändert. Wie Rohkunstbau selbst: Jede Neuauflage gibt ein «Jahresthema» vor. Das fällt immer umfassender und anspruchsvoller aus. 2010 lautete es «Atlantis» als Chiffre einer versunkenen Kultur, diesmal «Macht». Als Auftakt zu einem vierteiligen Zyklus, dem «Moral», «Revolution» und «Untergang» folgen sollen – unter Berufung auf Wagners «Ring der Nibelungen».

 

Kupferstange als Machtsymbol

 

Was die gezeigte Kunst mit dem ambitionierten Motto zu tun hat, bleibt Geheimnis von Kurator Mark Gisbourne. Manche der detaillierten Erläuterungen wirken unfreiwillig komisch. Da wird etwa eine Kupferstange zum «klassischen Macht-Symbol» erklärt, abstrakte Farbschleifen sollen die «Macht der Natur manifestieren» oder eine Plastik aus buntem Dosenblech die «Macht der Konsum- und Kommerzwelt» darstellen.


Impressionen der Ausstellung


 

Zum Glück kümmern sich die Künstler wenig um Gisbournes Vorgabe. Die meisten Arbeiten wurden für Schloss Marquardt angefertigt und nutzen geschickt dessen Eigenheiten. Ende des 19. Jahrhunderts im Neorenaissance-Stil umgebaut, prunkt das derzeit leer stehende Herrenhaus mit geräumigen Sälen, holzvertäfelten Wänden und einem mächtigen Kamin.

 

Trägerrakete in der Wendeltreppe

 

Im Obergeschoss überfällt «The Hierarchy Problem» von Judy Millar den Besucher: Rot und schwarz bemalte Papierbahnen bauschen sich wie riesige Wogen, als wollten sie das Zimmer sprengen. Nebenan hat Oswaldo Maciá einen Brunnen aus Badewanne und Becken aufgebaut, in dem Rohöl zirkuliert; die pechschwarze Flüssigkeit und ihr beißender Geruch verwandeln den Raum in eine archaische Raffinerie mit obskurem Zweck.

 

Die Wendeltreppe im Schlossturm füllt eine Trägerrakete aus: Mariele Neudecker hat sie in Originalgröße abgepaust; nun schießt sie fast durch die Decke. Das Foyer mit Freitreppe dominiert der «Accelerator» von Mariana Vassileva. Über einem laufenden Automotor schwebt ein leuchtendes Drahtgebinde; teils Heiligenschein, teils Dornenkrone. Maschinenlärm und Neonlicht kontrastieren eindrucksvoll mit dunkler Wandverkleidung.

 

Spukschloss mit Abkühlung

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension des 17. Rohkunstbau-Festivals 2010
und hier einen Beitrag über die Ausstellung von Marc Brandenburg in der Hamburger Kunsthalle.

Starke Bilder lassen über schwächere Beiträge hinwegsehen, die überall hängen könnten. Ein überlebensgroßes Michael-Jackson-Porträt, von Marc Brandenburg gewohnt penibel gezeichnet; der Unterwasserläufer in Simon Faithfulls «Going Nowhere 2», der sich im Trüben verliert; oder der HTML-Code, mit dem Karin Sander einen ganzen Saal pflastert.

 

So wird Marquardt zum Spukschloss, in dem hinter jeder Ecke Überraschungen lauern. Nach Staunen und Schrecken bietet sich Abkühlung im Schlänitzsee an: Kein Rohkunstbau-Standort ohne Parkanlage und Badestelle. Als All-inclusive-Ziel für Wochenendausflüge bleibt die Ausstellung einzigartig: Wo sonst kann man Rundgang mit Picknick und Schwimmen kombinieren?


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