Berlin

Ulrike Ottinger: Floating Food

Ein Spanferkel für die Götter: Opfergaben in Hongkong; Foto: © Ulrike Ottinger

In der Schatzhöhle von Ali Baba: Das Haus der Kulturen der Welt widmet der rastlosen Grenzgängerin Ottinger eine große Retrospektive. Von ihr selbst gestaltet, wird Ethnologie zur Kunstform eines überbordenden Privatkosmos.

The world is my oyster: Kosmopolitischer als Ulrike Ottinger können Künstler kaum sein. Ihr Lebenswerk ist eine einzige Entdeckungsreise. Auf den Spuren der großen Abenteurer zieht sie seit Jahrzehnten um den Erdball und trägt alle Erlebnisse und Exotika zusammen, derer sie habhaft wird. Den Extrakt dieses ungeheuren Fundus breitet sie nun in der von ihr selbst gestalteten Retrospektive verschwenderisch aus.

 

Info

Ulrike Ottinger:
Floating Food

 

08.09.2011 – 30.10.2011
täglich außer dienstags 11 – 19 Uhr im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Berlin

 

Katalog 32 €

 

Weitere Informationen

 

Ulrike Ottinger:
Hannah-Höch-Preis 2011 – das malerische Werk

 

26.11.2011 – 22.01.2012
im n.b.k. – Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, Berlin

 

Als öffnete sich ein Märchenland: Das Foyer des Hauses der Kulturen der Welt füllt ein Becken voller Säulen, der antiken unterirdischen Zisterne in Istanbul nachempfunden. Begehbar auf einer asiatisch anmutenden Brücke und verziert mit Federschmuck der Indio-Kulturen – farbenfroher Eklektizismus, der Entlegenes fröhlich kombiniert.

 

Die Route führt entlang an Weltkarten voller Postkarten, an bunten Schnüren aufgehängt: Ein Netzwerk von Brieffreunden hält Ottingers Privatkosmos zusammen. Vorbei an einem Schuhschachtel-Kino, in dem ihr Film «Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse» von 1984 läuft – ein grelles Mysterienspiel vor der Naturkulisse der kanarischen Küste.

 

Fantastische Fundstücke im Alltag

 

Als der deutsche Autorenfilm in den 1970/80er Jahren noch in der kargen Ästhetik der Nachkriegs-Bundesrepublik hauste, erschloss ihm Ottinger neue Bilderwelten: Queere Stoffe in Tableaus aus üppigen Kostümen und bizarren Ritualen. Dann wurden Fernreisen billiger, die Deutschen strömten an alle Traumstrände des Planeten, und die Regisseurin suchte das Weite. Sie fand es bei archaischen Völkern Asiens wie im Alltag auf allen Kontinenten

 

Ihre Fundstücke waren so fantastisch, dass sie der Fiktion nicht mehr bedurften. Seither hält Ottinger in langen Dokumentarfilmen das Schauspiel des Gewöhnlichen in der Fremde fest. Jetzt schüttet sie ihr Füllhorn aus: Der Rundgang gleicht einem Besuch in der Schatzhöhle von Ali Baba.

Interview mit Ulrike Ottinger + Ausstellungs-Impressionen


 

Kreuzung aus Völkerkunde-Museum + Programmkino

 

Die Ausstellungshalle wird zur Wunderkammer, die von Artefakten und Trouvaillen schier überquillt. Oder zur Kreuzung aus Völkerkunde-Museum und Programmkino. Hier schichtet die Künstlerin ethnologische Objekte zu Altären auf oder drapiert sie zu Bühnen, auf die sie Ausschnitte ihrer Filme projiziert.

 

Alle Epochen und Kulturen begegnen und überlagern sich, damit offensichtlich werde, was ihnen gemeinsam ist: Elementare menschliche Tätigkeiten wie Ernten und Schlachten, Handel treiben, Opfergaben darbieten, Kochen und Essen. In solche Abteilungen ist die Schau lose gegliedert: eingehüllt ins endlose Geplätscher des Wassers, das alle Weltteile miteinander verbindet.

 

«Ich mäandere gern»

 

Es spielt in Ottingers Werk eine zentrale Rolle: Alles fließt, geht ineinander über, vermengt und vermischt sich. Mitten im Raum ist eine riesige wellige Liegewiese aufgebaut: Am rechten Platz, um von allen Seiten Farben, Formen und Töne einströmen zu lassen. Und im Trance-Zustand aufzunehmen.

 

Denn die Eindrücke sind so überwältigend wie erschöpfend. Geschult an der Ethnologie von Claude Levi-Strauss und Clifford Geertz führt Ottinger «teilnehmende Beobachtung» vor – die zwar ihrer Außenseiter-Rolle bewusst bleibt, aber möglichst ungefiltert registriert, ohne einzugreifen und dadurch zu verfälschen. Alle Phänomene sind gleich wertvoll, alle Assoziationen erlaubt, alles hängt mit allem zusammen. «Ich mäandere gern», bekennt die Künstlerin.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Unter Schnee“ – Doku über den Norden Japans von Ulrike Ottinger.

 

Damit wird ihr barockes Welttheater zum undurchschaubaren Konglomerat. Es folgt nur den Eingebungen seiner Schöpferin, aber erklärt nichts. Auch der Begleitband, der nach ihrem Willen den Text zur «Bilderpartitur» liefern soll, hüllt sich mit einer Blütenlese von Zitaten – aus der Bibel über Marco Polo bis Aby Warburg – in beredtes Schweigen. Was der opulente Bilderreigen tatsächlich zeigt, verraten nur winzige Anmerkungen im Anhang.

 

Freude an der Fülle des Daseins

 

So wirken die exzentrische Sammel-Leidenschaft der Künstlerin und ihre Lust an der ausgefeilten Inszenierung zugleich uferlos und verspielt. Wer die Freude an der Fülle des Daseins verloren hat, mag sie hier wieder lernen: reine Anschauung ad infinitum. Und wer sich daran nicht satt sehen kann, hat dazu weiter reichlich Gelegenheit.

 

Im Kino ist soeben ihre jüngste Doku-Reportage «Unter Schnee» angelaufen. Das Arsenal in Berlin zeigt bis Januar eine Retrospektive ihrer älteren Filme. Ab Ende November ist im «neuen berliner Kunstverein» ihr malerisches Werk zu sehen: the world according to Ottinger.


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