Ulrike Ottinger

Unter Schnee

Die Odyssee der Kabuki-Darsteller hat ein Ende: Szene aus "Unter Schnee"; Foto: © Ulrike Ottinger

(Kinostart: 15.9.) Weltreise mit Frau Holle: Die deutsche Ethno-Regisseurin besucht Japaner, die von Schneemassen begraben werden. Weiße Pracht bleicht alle Farben und Kontraste aus; eine Grisaille als betuliches Doku-Märchen.

Ulrike Ottinger ist die Ethnologin unter Deutschlands Filmemachern. Seit Jahrzehnten schwärmt sie in die weite Welt aus und nimmt mit unermüdlicher Begeisterung den Alltag in fremden Ländern und Kulturen auf. Wobei sie auf Kino-Konventionen keine Rücksicht nimmt: Auf der documenta 2002 zeigte sie ungerührt ihre sechsstündige «Südostpassage» über den Balkan. Vollständig dürften sie nur wenige Ausstellungs-Besucher gesehen haben.

 

Info

 

Unter Schnee

 

Regie: Ulrike Ottinger, 103 min., Deutschland 2010;
mit: Takamasa Fujima, Kiyotsugu Fujima, Yumiko Tanaka

 

Weitere Informationen

 

Nun entführt die Regisseurin ihre Zuschauer nach Nordjapan: Im Winter werfen Wolken aus Sibirien ihre Last über der Provinz Echigo ab. Dort schneit es unablässig in dicken Flocken. Jeden Morgen müssen die Dorfbewohner ihre Hausdächer freischaufeln, damit die nicht unter Schneelasten zusammenbrechen.

 

Die Lebensweise in der Region ist von einer Symbiose mit Schneebergen geprägt. Nirgendwo sonst in Japan wird Krepp gewebt: Wäre es wärmer, würde der feine Flachsfaden brechen. Anschließend werden die Stoffbahnen zum Bleichen auf Schneefeldern ausgerollt. Die weiße Pracht formt auch das soziale Leben: Für Gemeinschafts-Aktivitäten bauen die Bewohner Rampen und Bühnen aus Schnee. Auf ihnen wird sogar Theater gespielt.

 

Rentner-Gymnastik mit Schneeschaufeln

 

Davon ist Ottinger so angetan, dass sie zwei Kabuki-Darsteller als stumme Erzähler für ihren Film bemüht: Kalkweiß geschminkt stapfen sie mit grotesken Gesten von Episode zu Episode. Der Film klappert die üblichen Stationen von Feldforschern ab: unterwegs mit den Männern, im Haus mit den Frauen, im Tempel beim Gottesdienst, mit der Gemeinde beim Fest.

 

Dabei hält die Kamera reichlich Abstand, um diskret authentische Eindrücke einzufangen. Was den statischen Bildern nicht bekommt: Im ewigen Schneegestöber sehen alle Farben fahl und Kontraste verwaschen aus. Selbst eine Art Federball-Spiel mit Schneeschaufeln wirkt wie behäbige Rentner-Gymnastik.

Offizieller Filmtrailer


 

Diese betuliche Atmosphäre verstärken Ottingers Kommentar aus dem Off: Im raunenden Singsang einer Märchentante rezitiert sie lokale Legenden, Haikus und andere Weisheiten aus dem japanischen Poesiealbum. Sachliche Erläuterungen, wie und wovon diese Hinterwäldler eigentlich leben, sind offenbar unter der Würde der weißhaarigen Frau Holle auf der Tonspur.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Rezension von Ulrike Ottingers Retrospektive „Floating Food“ im Haus der Kulturen der Welt, Berlin.
 

Was dem Sujet nicht seine Originalität raubt. Allerdings sollte die kaum strukturierte Reportage nicht mit dem Anspruch hoher Filmkunst daher kommen. Eine Frage des Timings: Als Ottinger in den 1980er Jahren anfing, archaische Kulturen abzulichten, gab es noch weiße Flecken im Osten der Weltkino-Landkarte. Dort fand sie neue Bilderwelten.

 

Stillstehender Privatkosmos

 

Mittlerweile haben Scharen von Mittelasiaten an deutschen Filmhochschulen studiert: Als Abschlussarbeit porträtieren sie gern ihre fernen Verwandten in fabelhaften Dokumentationen oder Spielfilmen. Manche wie «Die Geschichte vom weinenden Kamel» aus der Mongolei wurden regelrechte Programmkino-Hits.

 

Dagegen nimmt sich Ottingers Regie-Stil recht altbacken aus: Die Völkerkundlerin kommt mit der Handkamera im Gepäck. Die Zeit scheint über ihren erdverbundenen Heimwerker-Ansatz hinweg gegangen zu sein: Die Welt hat sich weiter gedreht, doch ihr Privatkosmos steht still. Wie die Wolken über Echigo, wenn dicke Schneeflocken fallen.


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